Die letzten 50km nach Tallinnn sind schnell weggeballert und so sitze ich mittags in meiner Faehre nach Helsinki, der Romantika, und warte auf das Ablegen. Auf in das Land, das mehr Saunen als Autos und im Norden weniger als 1 Einwohner auf 5km2 haben soll. Ausserdem 2/3 bewaldete Flaeche, mehr als 190.000 Seen und wahrscheinlich die Haelfte der Weltmueckenpopulation - ich freu mich drauf! Schon auf der Faehre gibt es einen grossen Saunabereich, den werde ich allerdings links, aeh, Verzeihung - Backbord, liegen lassen und stattdessen beweisen, dass es ein Verlustgeschaeft ist, nem Radfahrer ein All-You-Can-Eat Buffet anzubieten ;-) (...) Schlaraffenland!!! Wir sind noch nicht einmal aus dem Hafenbecken heraus und ich bei meinem dritten Hauptgang. Allein die Menge Lachs, die ich verschlinge, aeh, geniesse, ist die Investition von 18Euro dreimal wert. Dazu Salate, eingelegte Fruechte, exotisches Seafood, Kuchen und Nachtische, ... So ein Ding muesste es oefter geben. Tschuldigung an alle, die nach mir kommen sollte das Buffet jetzt 100Euro kosten... Helsinki ist was Staedte angeht mal ganz nett - sogar viele Radfahrerer und kreative HPVs gibt es, richtig streberhafte mit Helm und allem. Ich bekomme das letzte freie Zimmer der ganzen Stadt im "guenstigen" Preissegment: 55Euro pro Nacht - autsch! Dusche und WC aufm Gang, dafuer kostenlos Internet. Stellt sich heraus, dass der Besitzer begeisterter Radsportfan und Coach seiner beiden Soehne ist, die er zu Rennen durch die angrenzenden Laender faehrt. So hab ich nicht nur die Adressen der Bikelaeden hier, sondern auch gleich die Namen der Besitzer. Radsport in Finnland ist wegen des harten Klimas wohl eher ne Randgruppensportart wie sich mein Hotelier beschwert. Es gibt nur zwei Jahreszeiten: Herbstwinter-Winter-Fruehlingswinter und Sommer. Mein Reisefuehrer sagt ueber den suedlichsten Punkt Finnlands (sprich Helsinki), dass das Thermometer im Sommer auch schonmal 25Grad erreichen koennte...
Ganzen Tag durch die Stadt getiegert und Besorgungen und Sightseeing gemacht - die Euros schmelzen nur so dahin. Skandinavien ist offenbar wirklich uebelst teuer. Abends dann zu keiner grossen Aktion mehr in der Lage, also setz ich mich einfach ins Kino. Angenehm in einem Land zu sein, wo die meisten Filme im englischen O-Ton laufen - mit finnischen und schwedischen Untertiteln (es ist alles zweisprachig hier). Dumm nur, dass ich mir ausgerechnet Kill Bill vol2 ausgesucht habe, wo sie ziwschendrin auch Japanisch quatschen - da helfen mir dann weder O-Ton noch Untertitel ;-/
Ich hol mein Bike von der Reparatur ab. Hab jetzt ne neue Felge, Speichen, Umlenkrollen, Ritzelpaket, Kette und Bremskloetze. Motiviert trete ich vor dem Laden in die Pedale und werde von einem schrecklich krachenden Geraeusch gestoppt. Die Kette rutscht auf den vorderen Kettenblaettern durch - offenbar habe ich die schon voellig angespitzt und runtergefahren. Also wieder rein und die auch noch ersetzen. Alles zusammen fuer ca 300Euro - ouch! Der Mitarbeiter ist Mountainbike Downhiller (so einer, der sich jedes Jahr aufs neue ne Sammlung interessanter Knochenbrueche zulegt) und so quatsch ich mich noch n paar Stunden fest. Wie schoen in einem Land zu reisen, wo scheinbar wirklich jeder Englisch spricht! Sein eigenes Bike steht auch im Laden. Edelstes Geraet, hat das Dreifache meines eigenen gekostet. Damit haette ich direkt Hemmungen so richtig brutal Pisten runterzurumpeln - but then again - maybe not ;-) Nachdem ich erstmal aus dem Radwegwirrwar um Helsinki herausgefunden habe zisch ich n Weilchen Richtung Norden und bau mein Lager in nem Waeldchen auf ner Halbinsel im See auf. Die Radwege sind uebrigens von bester Qualitaet und werden rege genutzt. Sie sind auch gut beschildert - dass ich dennoch nur nach Himmelsrichtung durchfinden konnte liegt an meiner Karte mit ihrem brutalen 1:2.500.000 Massstab. Da fehlen halt all die kleinen ausgeschilderten Oertchen...
Ich begegne den beiden Schweizer Tourenbikern Martin und Otto. Die beiden sind vor ein paar Tagen in Helsinki mit Ziel Nordkapp gestartet, sie planen 2 Monate fuer den Trip hoch un zurueck. Otto ist 76 Jahre alt. Respekt! Gerade als wir noch stehen und palavern haelt ein Rennradheizer neben uns. Es ist der letztjaehrige Altherrenweltmeister im 500m Indoor Sprint. Martin und Otto begegne ich spaeter noch einmal, so dass heute ein paar Stuendchen mit angenehmen Gequatsche in Deutsch vergangen sind. Zusammen Radlen werden wir nicht, dafuer sind unsere Reisestile und vor allem Geschwindigkeiten zu unterschiedlich, aber ich hoffe die beiden auf meinem Weg zurueck noch einmal zu treffen - Gute Reise!
Und ich dachte Finnland sei flach! 600hm an einem Tag bin ich glaub ich das letzte Mal in den Karpaten gefahren. Es geht zwar nie besonders hoch hinauf, dafuer aber dauernd auf und ab. Abends folge ich spontan einer Eingebung und fahre eine Schotterpiste. 20km spaeter hab ich keine Ahnung mehr, wo ich bin, aber es ist schoen hier, also alles in Butter ;-)
Ich fuehl mich ziemlich schlecht, deshalb starte ich erst um 1300Uhr und da schon mit schweren Beinen und dickem Kopf. Meine Eingebung von gestern erweist sich als goldrichtig und Abkuerzung durch Orte und ueber Strassen, die auf meiner Karte nicht existieren. Finnland ist fantastisch. Dicht bewaldet, selbst hier im "dicht" besiedelten Sueden viel Platz, und so wenig Verkehr, dass die Nebenstrassen fast als Radwege durchgehen koennten. Und es gibt tatsaechlich mindestens 1 Milliarde Seen. Anfangs halte ich noch und mache Fotos, aber bald gehoeren sie einfach dazu. Die Haeuschen sind versteckt zwischen Baeumen gebaut und stoeren das Landschaftsbild angenehm wenig. Die Finnen selbst wissen auch um die Schoenheit ihres Landes und so hatr jedes bisher gesichtete Wohnmobil ein finnisches Kennzeichen. Ich sehe nen Waschbaeren. Er sitzt am Strassenrand, befingert (bepfotet?) irgendetwas und haut ab, als ich anhalte.
Scheiss drauf! Ich knips die Seen doch wieder. Waer aber auch einfach ein Verbrechen es nicht zu tun. Hab ich halt spaeter 400 Wasserfotos. Ich muss aufpassen, dass mir die Superlative nicht ausgehen, also sagen wirs mal so: Es ist ganz nett hier. Wald und Wasser. Und eine ohrenbetaeubende Stille. Es ist fantastisch! Fuer mich wie Balsam fuer die Seele. Ich bin wieder erst sehr spaet losgekommen, da ich immer noch leicht kraenkele und es regnete. Kaum gestartet fahr ich in nen Hagelschauer und anschliessenden Regen. Aber alles halb so wild, weil es danach wunderschoene Wolkenformationen zu bestaunen gab und bis zum Abend trocken bleibt.Wann ich aufbreche ist mittlerweile eh fast egal, weil es nur noch ca 2 Stunden daemmrig wird pro Nacht - also kann man Radeln wann man will. Camp an nem See (wo sonst?). Nach wie vor keinerlei Mueckenprobleme, da das Thermometer selbst tagsueber kaum jemals 15C erreicht.
Um Mitternacht ist es immer noch hell und "mein" See so glatt, dass er seine Umgebung perfekt spiegelt. Dass ich nicht auf dem Kopf stehe kann ich nur an der Schwerkraft festmachen. Kurz darauf setzt der Regen ein und hoert bis mittags nicht mehr auf. Die Sonne sehe ich heute erst um 1800Uhr, wo auch die Tageshoechsttemperatur von 11C erreicht wird. Suomi, Sumpfland, wie die Finnen ihre Heimat nennen, macht seinem Namen alle Ehre. Wiesen, die anderswo perfekt zum campen geeignet waeren, lassen sich nur noch in Gummistiefeln betreten. Tipp: Sohlen, die wegen der Klickies Loecher haben, sind absolut untauglich fuer so etwas! Die Strassen gleichen immer mehr Daemmen, und Ackerland ist alle 3-5m von Entwaesserungsgraeben durchzoegen. Landwirt moechte man hier glaub ich eh nicht sein. Der Boden ist sumpfig, steinig (nicht selten ist der Acker uebersaet mit faust- bis kopfgrossen Steinen) und das Klima... anderswo bin ich vor Wochen schon an hochstehenden Pflanzen vorbeigeradelt, hier ist meist noch nicht einmal gesaet. Heute habe ich einen See ganz fuer mich alleine ;-)
Gehen Ameisen eigentlich auch schlafen bzw verkriechen sich vor der Kaelte? Bevor ich letztens mein Zelt aufgebaut habe, habe ich etwas untersucht, das sehr nach Ameisenhaufen aussah - aber kein Krabbeltier weit und breit. Sobald es tagsueber etwas waermer wurde outete sich das Huegelchen eindeutig als Kolonie.
Hab heute gelernt was fuer Sensibelchen Kettenschaltungen doch sind. Beim Versuch auf das grosse Kettenblatt zu wechseln ist zweimal die Kette abgeflogen, waehrend das kleinste Kettenblatt manchmal gar nicht mehr zu erreichen war. Klar, kein Problem, bisschen die Stellschrauben des Umwerfers justieren.... 20 Minuten spaeter hab ich endlich wieder 27Gaenge. Haette nicht gedacht, dass so minimale Aenderungen an den Schraeubchen so grosse Auswirkungen haben.
Finnland spielt noch einmal so richtig den Entsafter und gibt alles: eisiger Nordwind und knackige Steigungen bis zu 12%. Ich halte mit Bananen, Sonnenblumenkernen und nem dutzend Broetchen dagegen und so sind trotz allem 90km drin. Diese radel ich groesstenteils auf Strassen weg, die ich mir mit hoechstens 5 Autos pro Stunde teile. Der Nordwind begleitet mich seit Helsinki. Laut Statistik muesste er eigentlich von Sueden wehen. Ich haett ja nix gesagt und mich nur langsam fuer paranoid gehalten was den Wind angeht, aber die Schweizer hatten es auch bemerkt... Ansonsten ist das Wetter abner erste Sahne, sonnig mit 15C. Ein hardcore Opa kam mir in kurzer Hose und muscle-shirt entgegengejoggt. Das Land ersaeuft fast in Wasser und doch musste ich das erste Mal in meinem Leben fuer Leitungswasser zahlen. Bekloppt. In Rumaenien habens die Leute mit der Hand aus dem Boden gepumpt, mit Eselskarren auf die Felder gefahren und dennoch kam nie jemand auf die Idee mir Geld dafuer abzuknoepfen.
Die Traktoren hier fahren mit 8 Reifen, Zwillingsraeder vorne und hinten, um nicht um Schlamm zu versacken. Wahre Monster, nehmen fast die gesamte Strassenbreite ein. Gerade ein bisschen die Karte studiert. Die russische Seite hier oben fasziniert mich - mein Gott, und ich empfinde Finnland schon als menschenleer...
Gestartet bin ich im Muensterland, einer Gegend, in der wir kaum jemals richtig Schnee haben. Hier sind die Strassen zernarbt von den Kratzspuren der Raeumfahrzeuge, abseits der Hauptstrecke gibt es Pisten fuer snowmobiles, neben Schulen ist statt des Fussballplatzes ein outdoor skating ring und Parkplaetze sind mit Steckdosen ausgeruestet. Ich glaube ich will Finnland noch einmal im Winter erleben.
An einer Kreuzung studiere ich meine Karte (nicht, dass Orientierung ein Problem waere bei einer Abzweigung alle 25-50km - aber man weiss ja gerne wo man ist...) als ein hilfbereiter Motorradfahrer neben mir haelt. "You tank bananas, I tank benzin" korrekt, jetzt nur noch ein bisschen weiter drueber nachdenken... Von einer Huegelkuppe aus habe ich einen gigantischen Ausblick. Gruentoene soweit das Auge reicht. Baeume bis zum Horizont. Als ich noch stehe und glotze oeffnet sich die Wolkendecke und ein Lichtfinger zeigt zur Erde. Sieht fantastisch aus. Solche Momente machen mir ne Gaensehaut. Wer nicht versteht warum ich hier bin hat niemals so einen Augenblick bewusst erlebt.
An einer Kreuzung sind 5 Orte ausgeschildert, der naechste in 71km Entfernung. Es wird leerer. Eine grosse Tafel weist darauf hin, dass ich mich nun in Nordfinnland, und damit Rentierzuchtgebiet, aufhalte. Der Polarkreis ist noch knapp 250km entfernt.
Mein Tagesrhythmus verschiebt sich immer weiter nach hinten. Das liegt zum einen daran, dass es, wie heute, vormittags bis 1200Uhr regnet und zum anderen die Tageshoechsttemperatur so gegen 1800Uhr erreicht wird. Wie um zu beweisen, dass das Schild gestern nicht nur zum Spass da stand kreuzt ein Rudel? eine Familie? eine Herde? von 6 Rentieren meinen Weg. Sie kommen aus dem Strassengraben und wollen die Strasse ueberqueren. Lassen sich durch mein vorsichtiges Herannahen auch ueberhaupt nicht stoeren und ergreifen erst die Flucht, als nach 5 Minuten das erste Auto aufkreuzt. Ich komm an einem Haus vorbei, das auf der "falschen" Seite des Flusses erbaut wurde: das Auto parkt diesseits, zum Haus gelangt man nur per Ruderboot.
Heute hol ich mir nen early workout bei km 35. Meine Mini-disc rotation hab ich mittlerweile einmal komplet durchgehoert und bin deshalb wieder bei der "Propellerleg-Radio" disc meiner Brueder. Zu einem Lied befehlen sie mir nicht unter 25km/h zu fahren. Tja, da ich immer auf die Stimmen in meinem Kopf hoere versuche ich es. Dumm nur, dass ich gerade am Fusse einer laengeren 1-2% Steigung bin und gegen leichten Wind anfahre. Als das Lied nach subjektiven 3 Stunden endlich am Ende ist bin ich es auch. Aber: mission accomplished! ;-) Ich werde wohl bald Kredit beantragen muessen, da meine Reisekosten von nun an explosionsartig ansteigen werden: Ich habe Daim Eis entdeckt! Eine Droge, die ich waehrend eines Canoe Urlaubs in Schweden kennengelernt habe, dann aber in Ermangelung eines Dealers in Deutschland jahrelang Entzug gelitten habe. Jetzt bin ich schwer rueckfaellig...
Wunderherrlicher Tag. Perfektes Wetter. Di km rollen sich wie von alleine ab. In einem Dorf begleiten mich ueber km zwei Jungs auf ihren klapprigen Raedern und wir haben Spass an unserer unzulaenglichen Kommunikation. Kinder spielen scharenweise friedlich draussen. Auf einsamer Strecke dann kaum Autos, dafuer immer wieder Gruppen von Rentieren. So at peace mit mir und der Welt war ich lange nicht mehr.
Ich begegne meinem ersten Elch ausserhalb Canadas. Leider ergreift er die Flucht sobald ich ihn entdecke. Zwar rennt er parallel zur Strasse neben mir her, aber bis ich waehrend der Fahrt meine Kamera rausgekramt habe ist er schon weg. Ich erreiche Rovaniemi, "Tor zu Lappland" wie es genannt wird und Heimat des Nikolaus. Sehr touristisch alles, da Ausgangspunkt fuer saemtliche Touren Richtung Norden, aber dennoch sehr nett. Bin auf nem Camping Platz, wasche Waesche, dusche etc... Online kann ich leider erst morgen wieder in der Buecherei. Direkt n paar nette Leute getroffen hier, mal sehen was draus wird...
Grmpf. Da will ich mir zur Feier des Tages mal ein nettes Essen goennen, muss aber feststellen, dass bis auf die Burgershuppen schon alles geschlossen hat! So ist das halt, wenn es nicht mehr dunkel wird, da sucht man auch Mitternacht noch nach nem Restaurant. Naja, gibts halt Burger - hat den Vorteil, dass das der Hangout der Lokaljugend ist, also ist people watching angesagt.
Meine Brille ist repariert (hatte ein Nasenpad verloren) und ich kann jetzt wieder geradeaus gucken. Ausserdem habe ich endlich den schwarzen Schmant, der meine Trinkflasche komplett von innen verklebt hatte, herausgeschrubbt. Keine Ahnung, was das war, aber es schmeckte scheusslich und war schon seit Tagen nicht herauszubekommen. Selbst Einweichen mit Spueli und Durchschuetteln mit Kieselsteinen half nichts. Hab mir extra nen Schrubber gekauft. Dachte erst es sei das sumpfig schwarz/gelbe See und Flusswasser, das ich seit einiger Zeit trinke, aber dann haette es wohl auch meine anderen Flaschen erwischen muessen. Ich meide die vielbefahrene "Eismeerstrasse" mit ihrem Santa Claus Village am Polarkreis, das Werbung mit 400.000 Besuchern jaehrlich macht, und nehme die ruhigere Alternativroute. Mein Uebergang in die Arktis ist dann auch nur ein unauffaelliges, altes, verwittertes Schild am Strassenrand. Und schon zische ich wieder durch die baumgruene Eintoenigkeit Finnlands, nur ist diesmal auf der einen Seite ein Fluss hinzugekommen und es wird leicht huegelig. Ich liebe es. Und es ist egnau, was ich jetzt brauche. Ich habe einige mails aus der Heimat bekommen, die mich sehr aufgewuehlt haben. Ohne adequate Antwortmoeglichkeit ist das immer hart. Das Wetter ist herrlich und die Luft berauschend. Die moechte ich am liebsten in Flaschen tanken und nen Vorrat nach Hause schicken. Eine Einheimische warnt mich vor einem Kaelteeinbruch am Wochenende, aber ich habe sowieso keine Ahnung, welcher Wochentag ist, also ist mir das auch egal ;-) Which brings me to: Ladenoeffnungszeiten. Voellig chaotisch, versteh ich nicht. Oft Sonntags geoeffnet. Manchmal bis 1700Uhr, manchmal ab 1700Uhr. Hab sogar ein Schild 1200-0430Uhr gesehen. Die Mitternachtssonne bzw Winterdunkelheit wirft wohl alles durcheinander. Letztens hat mich ein "Holzkopfseeadler" erschreckt. Lebensgross mit ausgebreiteten Schwingen geschnitzt in einem Garten. Ich guck im Vorbeifahren interessiert hin und das Vieh guckt zurueck und dreht sich mir hinterher! Hat mich total ueberrascht, aber es war nur drehbar gelagert und genau im richtigen Moment von einer Boe getroffen... Mein Reisefuehrer hat doch nicht nur Witze gemacht von Schneeschmelze bis Mitte Juni zu sprechen - ich bin gerade an Schneeresten im Strassengraben vorbeigekommen. Und einem Husky-Zuechter. Dieses Land m Winter erleben... hmm... Sucht mal den russischen Ort Krasnoscele auf der Karte. Viel weiter weg von allem kann man schon fast nicht mehr sein - obwohl, es gibt ja auch noch NordOst Russland, Sibierien... Es haben nicht 83 von 100 Finnen ein Handy, wie die Statistik behauptet, sondern 100 von 100. Zumindest hat jeder Autofahrer eins an der Backe kleben... In "Fraeulein Smillas Gespuer fuer Schnee" (grosses Buch! unbedingt lesen) wird die Angst der Groenlaender vor dem Eingesperrtsein beschrieben. Wenn die jeden Tag einen so grandios endlosen Himmel geniessen, wie ich heute, kann ich sie gut verstehen.
"Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schoen und mutig zu sehen" "Das, was wir Schicksal nennen, tritt aus den Menschen heraus, nicht von aussen her in sie hinein" "Aber der einzelne kann sie fuer sich klaeren und klar leben (und wenn nicht der einzelne, der zu abhaengig ist, so doch der Einsame). Er kann sich erinnern, dass alle Schoenheit in Tieren und Pflanzen eine stille dauernde Form von Liebe und Sehnsucht ist" Es regnet 24Stunden non-stop, ich lieg im Zelt, hoere melancholische finnische Musik (versteh kein Wort, aber gesungen klingt die Sprache schoen und traurig) und lese Rainer Maria Rilke: "Briefe an einen jungen Dichter". Haette ich mal frueher tun sollen, so elegant wie er die Stadt Rom auseinandernimmt - abgucken beim Meister ;-) Mein Bike keinen cm bewegt heute, diesmal soll es gefaelligst vorher aufhoeren zu regnen. Zudem habe ich ein wunderbares Camp am Fluss und geniesse Ruhe und Einsamkeit.
Es ist soweit, der Regen hat gerade eben aufgehoert. Zeit die wohlige 7C Waerme des Zeltes zu verlassen und sich gegen den eisigen Nordsturm zu werfen. Ich unterhalte mich noch ein bisschen mit den beiden Finnen Seppo und Ilmo, die mit ihren Familien und Wohnmobilen durch die Gegend gondeln, und kaempfe dann um jeden Kilometer. Die Baendchen an den Reisverschluessen meiner Jacke knattern, die Telefonleitungen neben der Strasse sirren und schnalzen und die Baeume neigen sich mir entgegen. Kurze Hagelschauer schiessen mir wie Schrot waagerecht ins Gesciht. Streckenweise hab ich sogar Spass daran ;-) aber ich waer jetzt trotzdem lieber auf nem Segelschiff als mich mit dem Fahrrad dagegen abzumuehen. Ordentliche Neigung und n paar Brecher ueber Deck hatte ich lange nicht mehr ;-) Kittilae. Mein vorerst letzter grosser Versorgungsstop - ich bin jetzt loaded mit Futter fuer ein paar Tage. Es ist immer noch stuermisch bei 6C - die Finnen haben im Freien ihr sonntaegliches Fussballmatch. Der oertliche Campingplatz ist komplett desertiert, und das, obwohl der Beachvolleyballplatz und die Umkleiden am Fluss gerade frisch renoviert sind. Gut fuer mich, denn die geben mir Windschutz beim Essen. Merke: Daim Eis schmeckt zwar geil, ist bei so einem Wetter aber vielleicht doch nicht die ideale Nahrung - brr! Meine Musiksammlung war vor meiner Abreise etwas hastig zusammengestellt (einfach ne mp3 PLaylist auf n dutzend MDs uebertragen) und keine der minidiscs ist beschriftet. Deshalb bin ich damit an die Obst- und Gemuesewaage eines Supermarktes gegangen und nutze jetzt deren Aufkleber. Damit bin ich glaub ich der einzige Mensch weltweit, der so grandiose Banmds wie "0,387kg Sipuli" kennt und hoert ;-) Abends fallen einzelne Flocken von etwas aus dem Himmel, das mir verdaechtig wie Schnee aussieht. Beim Wassertanken unter einer Bruecke hoere ich ploetzlich merkwuerdige Geraeusche ueber mir. Es ist eine ganze Herde Rentiere, deren Leitbulle sich wohl ueberlegt hat statt der Furt doch lieber die Strasse zu nutzen. Autos fahren hier eh nicht und man spart sich die nassen Hufe. Die ersten 40km der 9552 lege ich noch auf Schwarzdecke zurueck, dann gehts auf einspuriger Schotterpiste weiter. Der naechste Ort ist in 150km Entfernung ausgeschildert, in 2 Stunden begegne ich weder Autos, noch Menschen, noch Haeusern, nur einige Rentiere und Hasen kreuzen meinen Weg. Mein Lager schlage ich mitten am windexponierten Nordhang auf - bei 3C. Ich brauche das erste Mal die Sturmleinen. Aber da muss man halt Prioritaeten setzen und der Ausblick von hier oben ist einfach zu herrlich um hier nicht sein Lager aufzuschlagen. Immer wieder bricht die Wolkendecke auf und goldene Lichtfinger streichen ueber das huegelige Waldland. Dank des erholsamen Ruhetags im Zelt (im Gegensatz zu Hotel"ruhetagen", nach denen ich bisher immer fertiger war als vorher) schaffe ich trotz der widrigen Umstaende bei bester Laune ordentlich Kilometer weg. "Stormy wheather - stealin all my body heat" Ach nee, Tina Turner singt das irgendwie anders... ;-)
Meine Fresse! Das muss man erlebt haben. Es ist der 7.Juni und ich werde wach um 6Uhr morgens - in dichtem Schneetreiben!! Dicke, schwere, nasse Flocken, und sie bleiben sogar ne Weile liegen. Ich bin hoechstens 300muNN. So ganz verpackt hab ich das noch nicht. Ich trage noch die 33C Braeune aus Rumaenien und hier schneit es. Zu Hause wuerde ich gerade wahrscheinlich von irgendwelchen Bruecken in den Kanal springen... Der Schnee geht irgendwann in Regen ueber, aber der Sturm bleibt mir erhalten und zerrt und ruettelt an meinem Zelt (die Frisur haelt, 3 Wetter taft). Da will ich in einem sonnigen Moment gerade aufbrechen - doch in der naechsten Sekunde lieg ich unter schwerem Hagelbeschuss. Immer wieder fuer eine Ueberraschung gut das Wetterchen hier ;-) Ich erreiche das 20(?) Seelen Nest Pokka. Es gibt mehr ATV Spuren und Pisten als Strassen. Waehrend eines Schneeschauers stehe ich vor einem Schild, welches stolz zu berichten weiss, dass hier am 28.01.1999 die fuer Finnland kaelteste Temperatur aller Zeiten gemessen wurd: -51,5C. Glaub ich sofort. Ich begegne ner Grupe von 16 Deutschen an ihrem Canoe drop-in am Ivalojoki. Vorher waren sie ein paar Tage hiken - so muss das! Obwohl die Aufschrift auf ihrem Reisebus zum Lachen ist: "Elch adventure tours, Natur aktiv erleben - air conditioned" LOL! Vielleicht haette jemand den Schriftzug von Mercedes neben dem eigenen Firmenmotto entfernen sollen ;-)
Nachts sollte man fahren, mit staerker werdender Sonne wird es auch der Wind... Auf 200km Strecke sind mir weniger als 50 Autos begegnet. Das hebt die Rentier/Auto Quote auf ca 3:1 - damit kann ich leben ;-) Inari lass ich schnell hinter mir, da ueberlaufen mit Wohnmobilen. Auf einem kurzen Stueck Hauptstrasse (die erste seit Tagen) werd ich dann auch prompt fast plattgemacht. Ein Bus kommt mir entgegen, ein Bulli ist neben mir und ein Van versucht zu ueberholen. So etwas habe ich schon oft genug erlebt, aber Finnlands Strassen sind keinen cm breiter, als sie sein muessen (gut so!) und so endet das Manoever diesmal mit einer langen Schramme und nem verlorenen Rueckspiegel. Die Fahrerin des Vans ist natuerlich Deutsche... Autos! (<- die Stimme trieft vor Verachtung). Finnische Autofahrer kann man im Allgemeinen an drei Dingen erkennen: sie ueberholen ruecksichtsvoll auf der anderen Strassenseite, sie haben ein Handy am Ohr und zusaetzliche Scheinwerfer am Auto. Eigentlich wollte ich heute einen kleinen Marathon starten und die letzten 400 und ein paar kaputte km zum Kapp in 2 Tagen zuruecklegen. Aber das Wetter ist mal wieder absolut dagegen: es regnet stuendlich under der Wind lacht mir ins Gesicht, so dass ich aus den kleinsten Gaengen nicht herauskomme und einen frisch gefaellten Telefonmasten im Strassengraben passiere. So bin ich dann beim ersten Zeichen meines Ziels (Schild: Nordkapp 343km) bei km80 und schon voellig wasted... Mann, Mann, Mann, vergessen Sie den Rekordversuch. Ich erarbeite mir ne Steigung, oben angekommen trifft mich eine Boe und wirft mich rueckwaerts wieder runter. Waehrend ich mein Lager auf einer wunderschoenen Halbinsel aufschlage wird mir das Zelt fast aus der Hand gerissen, im naechsten Moment ist es nahezu windstill und die Sonne scheint und dann regnet es. Am Himmel genauso ein Tumult. Ich weiss ja nicht, wi man das meteologisch korrekt beschreibt, aber es gibt fette, graue Wolken, die wie Tornados zur Erde reichen; weisse Floeckchenwolken; lange, duenne Streifenwolken; hohe, gerippte Wolkenflaechen; blauen Himmel; eine massive graue Bruehe - und alles gleichzeitig. Quer ueber "meinen" See ist eine Skidoo Route markiert. Which, again, makes me want to come back in winter when the whole country becomes a "road".
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