Norway

2004-06-09

Ein Schild klaert ueber einen Parasiten des atlantischen Lachs auf - man moege doch bitte seinen Aussenbordmotor und Fischereiausruestung mit in die Sauna nehmen zum Desinfizieren - LOL. Der niederlaendische Rentner Gerard kommt mir entgegengeradelt. Beeindruckende Gestalt, ist in Holland gestartet, ueber Daenemark und Norwegen zum Kapp (am Samstag noch 5cm Schnee...) und will jetzt durch Finnland, die baltischen Staaten, Polen und Deutschland zurueck nach Hause. Zudem hat er von Erfahrungen aus jeweils mehrmonatigen Radreisen durch Afrika, Neuseeland, China und die Mongolei (!) zu berichten. In Asien war er bereits 1986 und konnte mit weissem Vollbart und Glatze maechtig Eindruck schinden. Fettes RESPEKT von mir - so moechte ich auch alt werden. Ich nehme Wasser von der groessten Quelle Finnands, glasklar und arschkalt. Es soll hier einen Hike zu nem Canyon mit 100m Felswaenden geben, allerdings bin ich im "strict nature reserve" und die Saison hat noch nicht begonnen, damit ist das Betreten verboten. Macht nichts, die Landschaft ist auch so atemberaubend. Je karger und desto felsig/huegeliger es wird desto mehr mag ich es. An der norwegischen Grenze geh ich shoppen und reparier meinen ausgerissenen Lowrider. Die ehrgeizigen Kapp Plaene habe ich komplett verworfen, es ist zu schoen hier und ich begegne zu vielen netten Menschen um einfach durchzurauschen. Zumal der Wind auch nach wie vor erbarmungslas ist. 66 Tage geht die Sonne im Sommer nicht unter, 56 im Winter nicht auf... Holy shit! If Finland was beautiful, Norway feels like finally coming home. Maybe Soeren should be written with that crossed o after all. Or was that Denmark? Just when you thought it couldnt get any better. damn. Im completely in love with the North: rugged, wild, wide, untamed, open, deserted. Aus einem fahrenden Auto heraus werde ich angesprochen, ein Officer, der selbst Radreiseerfahrung hat und mich in die 40km entfernte military base einlaedt. Also geb ich noch einmal alles, um puenktlich dort zu sein, er muss um 6Uhr raus. Ich schaffs nicht ganz, also kommt er mir schon wieder suchend entgegen - was ein Service. Als ich dann eintreffe gibts Pizza, Dusche, Sauna und Unterhaltung in fliessendem Englisch. Ich erfahre von der dichten Grenze Norwegen/Russland (wie macht Finnland das bloss? die haben zigtausend Grenzkilometer mehr...), Wintern hier oben, base-jumping, bungee-jumping, scuba diving, beste Routen durch Norwegen... So schlafe ich denn im Fernsehraum der Kaserne, in einem Gebiet, in dem man nicht einmal anhalten duerfte ;-) Das war bisher der mit Abstand netteste Wilkommensgruss aller Laender - Dankeschoen!

2004-06-10

Scary military slang: defeating enemy soldiers - its never killing, never destroying. Mein military man beichtet mir, dass sein anerzogenes Umweltbewusstsein floeten gegangen ist, seit er tausende von Moersergranaten in die Landschaft ballert - was macht da schon ein Kaugummipapier mehr oder weniger? Hmm... Sonst ist das hier wohl die Zentrale fuer Survival Training und insbesondere "becoming experts on the winter" - naheliegend irgendwie ;-) Meine erste Kasernennacht im Leben ist nach knapp 3 Stunden puenktlich um 6 vorbei - die spinnen doch die Roemer. Zusaetzlich gabs noch die Stunde Zeitverschiebung von Finnland. Ich fahre 30km und schlafe dann noch n Stuendchen am Fjord in der Sonne. Naechster Halt ist bei vier norwegischen Reiseradlern, die gerade Mittag machen. Grosses Palaver und Gefresse angesagt. Die sind am Nordkapp gestartet und auf dem Weg nach unten. Astri hat die drei Maenner erst auf der Piste kennengelernt. Ich schwing mich aufs bike und quatsche keine halbe Stunde spaeter mit dem schweizer Tourenbiker Cyrill. Wieder eine halbe Stunde spaeter ist es der Hollaender Gerard (nein, nicht derselbe wie vor ein paar Tagen). 100km vor dem Kapp koche ich und der deutsche Biker Joachim gesellt sich zu mir. Er hat die ganze Riege der anderen auch getroffen und so ueberrascht er mich mit der Begruessung: "Mahlzeit Soeren, hab schon viel von dir gehoert!" Wir essen und zelten gemeinsam und wollen auch zusammen fahren. Er sammelt mit seiner Tour Geld fuer eine Krebsselbsthilfeorganisation (die Tour zum Kapp war der Traum seines an dieser Krankheit verstorbenen Vaters).

2004-06-11

NORDKAPP !!! Fantastisches Wetter, grossartige Landschaft, berauschender Blick in die Unendlichkeit, viele 5min Touristen. Joachim und ich sind bestens klargekommen miteinander - nur leider muss er bald zurueck nach Deutschland und will noch ein paar Tage in Finnland radeln. Also hat er sich bis dorthin einen der vielen Wohnmobilfahrer als Mitfahrgelegenheit organisiert. Schade drum - nette Gesellschaft ist immer willkommen. Gute Reise noch! Ich haenge ein bisschen in dem beruehmten Bergsteiger Gipfelsieg Anti-Climax. Aber morgen starte ich durch zur Cape to Cape oder Nord-Kapp-Stadt Tour, und das wirds schon richten ;-) Heute werde ich noch ein bisschen guter Touri spielen und mir Infofilmchen tc reinziehen. Ausserdem moechten wir zum Wasser hiken und schwimmen gehen. Ach ja, hunderte von Rentieren gesehen auf dem Weg hierher, die alle mit ihren wenige Tage alten Jungtieren durch die Gegend ziehen. Die meisten Hoehenmeter an einem Tage der ganzen bisherigen Tour sind wir auch gefahren : 1339hm auf 105km.
"Im Osten geht die Sonne auf, im Sueden nimmt sie ihren Lauf, im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen" - von wegen! Ich liege um 1 Uhr morgens abseits des Rummels 300m ueber dem Ozean auf den Klippen und geniesse die Sonne. Und habe gleichzeitig ein druchdringend wehmuetiges Gefuehl. Irgendwer hat mal etwas gesagt wie: "wir koennen einen schoenen Moment erst so richtig geniessen, wenn wir ihn einem Menschen zuteil werden lassen, den wir lieben"...

2004-06-12

Ich lerne den Belgier Jean Luc kennen, der mit dem Bike aus Bruessel hier ist. Aber er wird auch mit dem Bus zurueck :-( Auf dem Parkplatz steht ein umgebauter Bus, ein Paerchen aus Deutschland, die in der Heimat alle Zelte abgebrochen haben, 1 Jahr die Welt touren, um dann "irgendwo im Sueden" ein neues zu Hause zu finden. Ihre homepage: www.abenteuer-europa.de. Hab ich ein Schwein gestern schon eingetroffen zu sein. Waehrend ich die schoenste Sonne ueberm Meer geniessen durfte, die ich je sah, ist es heute bewoelkt und regnerisch. Ich fahr 6km Umweg um ins Internet zu gelangen, doch der bloede Touri Infopunkt mit Online Zugang ist geschlossen. Gluecklischerweise treffe ich einen Studenten aus Frankreich, der in den Semesterferien hier Tour Guide macht, und so komme ich doch noch an den Rechner und meine mails. Danach muss ich wieder in "den Tunnel". Die Meerenge zum Nordkapp ueberwindet man, indem man unter dem Wasser durchfaehrt. Es geht 3km mit 9-10% Gefaelle bergab, wobei man sich in der feuchten Nebelkaelte des Tunnels bei 60km/h alle Gliedmassen abfriert. Dann geht es aber auch 3km mit 9-10% Steigung wieder bergauf - und das ist der Hammer. Schwitzend und hechelnd durch die duestere Roehre zum infernalischen Donnern der Autos und der Belueftungsanlage. Die vielfachen Echoes bedroehnen einen von allen Seiten. Nehmt lieber die Hurtigroute (das Postschiff). Camp schlage ich an derselben Stelle wie vorgestern auf (so ist das wenn man in eine Sackgasse radelt...). Ich fummel eine geschlagene Stunde an meinem Benzinkocher herum, bis er wenigstens ansatzweise wieder funktioniert. 1 Monat lang lief er absolut tadellos und fast wartungsfrei, diesmal hab ich ihn in meinem Frust einmal komplett mit Benzin uebergossen und angezuendet zum Vorheizen - das brachte dann wenigstens den Teilsieg und einen Topf Nudeln. Ist aber auch echt beschissen mit Kohldampf ne Stunde lang todmuede und halb erfroren im Regen zu stehen und alle Ausruestung und sich selbst voellig zuzurussen waehrend man den Kocher 10mal auseinanderbaut und reinigt und einzelne Teile austauscht ohne die Fehlerursache zu finden. Grrr!
PS: Joachim, ich hab "unseren Adler" heute zweimal wieder angetroffen - und wieder hat das Foto nicht geklappt :-(

2004-06-13

Am Strassenrand in Gegenrichtung repariert gerade jemand seine Kette, dessen Ausruestung sehr mitgenommen aussieht. Ich biete meine Hilfe an. Es ist ein Japaner, in Alaska gestartet, zum Kapp der Stuerme (Suedamerika), Kappstadt, Nordkapp und jetzt auf dem Weg nach Hause. Bereits seit 4 Jahren und 58000km unterwegs. Alter Schwede! Leute trifft man hier... Ich komm nicht recht vorwaerts, zum einen werfen mich Sturmboeen manchmal regelrecht vom Fahrrad, zum anderen begegne ich noch zwei Bikern und mit jedem muss natuerlich ne Weile palavert werden ;-) Meine Aepfel haben den Sticker "Golden Cape South Africa", den kann ich jetzt schonmal unter meinen Nordkapp Aufkleber pappen. Wie seufzte der Japaner? "It's a long way" - er muss es ja wissen. Jean Luc hatte mich gefragt: "Wie machst du das? Wirst du nicht muede im Kopf?" Manchmal weiss ich das selbst nicht so genau. Ich liebe das Reisen, die Begegnungen mit fremden Menschen, aber vor allem das Naturerleben geben mir sehr viel. Zudem bin ich ein bisschen auf der Suche nach einer Heimat ("wohnst du noch oder lebst du schon?" Ikea). Einen Job, eine Wohnung habe ich nicht mehr. Aber gute Freunde, Familie, und vor allem, meine Freundin. Das ist jeden Tag auf neue bitter und ich fuerchte ich lerne erst noch die Bedeutung des Spruches jemanden "schmerzlich" zu vermissen. "Home is where your heart is" - ouch!

2004-06-14

Bis 12 hab ich noch Hoffnung, dass der Regen irgendwann aufhoert, dann starte ich trotz Naesse. Ich radel schon seit Wochen gegen den Wind, aber so etwas wie heute hab ich noch nie erlebt. Ich kann mich mit geoeffneter Jacke fallen lassen ohne auf dem Boden aufzuschlagen. Ich stell mich mit zwei norwegischen Bikern unter ein Dach, als es wieder schlimm wird mit dem Regen. Sie sind in Alta gestartet und haben mit Rueckenwind untrainiert und mit Gepaeck 2,5 Stunden fuer die 60km gebraucht. Ihr Ziel ist Hammerfest, wo der eine fuer Statoil arbeitet (groesste Oelgesellschaft hier oben mit 1900 Tanken allein in Skandinavien). Spaeter treff ich noch nen deutschen Radfahrer, der mir unter anderem den gestrigen Standort der vier Norweger mitteilen kann, die ich bereits in Olderfjord getroffen hatte. Da fuhren wir noch in unterschiedliche Richtungen, mittlerweile war ich aber auch am Kapp und damit koennten wir zusammen radeln (2 von denen wollen nach Sizilien, die anderen nach Bergen, bzw Kristiansand). Ich habe 1-2Tage bzw 100-200km aufzuholen... na, mal sehen. In Deutschland sind wir mit unserem grossen Trampolin im Garten etwas besonderes, hier zaehl ich allein bei der Einfahrt nach Alta 10 Stueck. Dort schicke ich 4,5kg nicht (mehr) benoetigten Krams nach Hause - die Post hat extra fuer mich laenger geoeffnet. Anschliessend unterhalte ich mich im Touri Info Stand nett mit nem Deutschen, der in dem Laden arbeitet. Er ist seiner Freundin hinterher hierhin ausgewandert. Gibt schlimmere Gegenden aus denen eine Freundin stammen koennte! Die Fjorde, Berge und Wasserfaelle sind wunderschoen. Mein Zelt schlage ich dann auch direkt am Meer auf. Auf meiner 500g Nudelpackung steht 8 Portionen, hmm, ich mach mir daraus immer zwei...

2004-06-15

Von wegen mal eben die Norweger einholen. Ich bin kaum gestartet, da explodiert mein Hinterrad. Der Mantel ist aufgerissen. Zuerst versuche ich noch lediglich nen neuen Schlauch einzuziehen, aber der platzt auch sofort. Also ins naechste Geschaeft, wo die freundliche Dame mich netterweise telefonieren laesst. Per Anhalter 40km zurueck und neuen Mantel und Schlauch kaufen. Wieder per Anhalter zu meinem Bike und Reparatur. Die gesamte Aktion hat 3 Stunden gedauert und ich habe zwei sehr nette Autofahrer kennengelernt, von denen einer sogar Deutsch sprach. Jeder scheint hier oben Geschichten vom Krieg erzaehlen zu koennen und zu wissen, welches deutsche Schlachtschiff in welchem Fjord lag. Ausserdem erfahre ich, dass das Wetter selbst fuer norwegische Verhaeltnisse beschissen ist. Jetzt fahre ich also nen no name Mantel, mal gucken wie lange der haelt. Mit den Schwalbe Marathon XRs hatte ich kein Glueck, der erste hatte alle 800km nen Platten und der zweite ist mir wie gesagt gerade komplett quer aufgerissen - ohne dass eine Ursache erkennbar waere.
Autos fahren die hier teilweise... richtige amerikanische Monster. Es gibt den noerdlichsten American Car Club der Welt in Hoennigsvag, kurz vorm Kapp. Vor ein paar Tagen hab ich mich mit nem Pfeife rauchenden Norweger unterhalten, der mit nem ausrangierten Gelaendefahrzeug der Army durch die Gegend juckelt. Beim Einkaufen etc lassen die Einheimischen meist den Motor laufen - wohl ne Angewohnheit aus dem Winter. Apropos, einer der anderen Radreisenden hatte das Glueck fuer eine Nacht bei dem beruehmtesten norwegischen Musher (Hundeschlittenfuehrer) unterzukommen. Neid! Dessen Geschichten haette ich auch zu gern gehoert.
Damn it! Canada is in real danger of being dethroned on my personal list of most beautiful places on earth. Norway is awesome. Just when you are absolutely convinced it cannot possibly get any better you turn around a cliff into the next fjord and the new waterfall is even more stunning than the last, the view even more breathtaking and the mountains even more majestic. And I havent even reached the Lofoten yet, which even the locals think of as "nice" and "special". Die locals sind sowieso erste Sahne, waehrend ich das hier schreibe quatscht mich noch einer an ;-) Alle nett hier und bei meinem kleinen Anhalterspielchen heute musste ich auch keine 5 Autos abwarten - und die vier vorher haben sich noch durch Gesten bei mir entschuldigt, dass ihr Ziel nur um die Ecke liegt und sie mich deshalb nich mitnehmen. Jemand hatte mir angeboten waehrend meiner Abwesenheit das Bike in seiner Garage aufzubewahren. Bei einem kleinen Palaver erfahre ich, dass hier in der Finnmark die Woelfe wieder angesiedelt wurden, Farmer und Rentierzuechter aber verstaendlicherweise weiterhin Jagd auf die Viecher machen. Bloeder Konflikt. Und schade drum, ich mag Woelfe. Auf nem Mitarbeiterwochenende mit 25 Teilnehmern sollte durch die Gruppe fuer jeden ein passendes Tier ausgesucht werden. Fuer mich standen ueberhaupt nur Wolf oder Baer zur Diskussion - hat mir irgendwie geschmeichelt ;-) Ausserdem sagt man mir, dass es jeden Monat Neuschnee gibt, Sommer oder nicht, selbst auf fast-Meeresniveau. In den heissen Monaten dann halt nur Nachts und nicht liegen bleibend. Obwohl es den ganzen Tag ueber eine dichte, tiefhaengende Wolkendecke gab, regnet es erst, als ich schon im Zelt sitze und esse. Muss mein Glueckstag sein heute, sogar Rueckenwind hatte ich ;-)

2004-06-16

Wie sagte der Kerl in Tourist Info zu der Frau aus Neuseeland: "If you wanna go to cape north do so now, the wheather is just gonna get worse over the next couple of days." Und wie!! Hoelle, so etwas hab ich noch nicht erlebt. Der Regen peitscht gegen das Zelt und der Sturm laesst es knattern und tanzen. Mein Schlafzimmer ist lebendig geworden, die Waende druecken sich mir entgegen und explodieren wieder nach aussen. Der Boden macht wellenartige Bewegungen und schmeisst meine Klamotten hin und her. Und es ist laut! Ueber das Prasseln, Heulen und Knattern ist kein anderes Geraeusch mehr wahrnehmbar. Es ist die Art Wetter, bei dem sie einen bei uns warnen vor die Tuer zu gehen wegen des Dachziegel und Holzgehaltes in der Luft. Fahrradfahren in diesem Inferno gegen den Sturm ist schlichtweg unmoeglich - so bleibe ich denn im Zelt, und hoffe, dass es nicht wegfliegt oder in Stuecke reisst.

2004-06-17

Nach einem kompletten Tag im Zelt regnet und stuermt es immer noch ununterbrochen und nur mit wenig geringerer Intensitaet. Hilft nichts, ich muss los wenn ich hier nicht verhungern will... 13km und 450hm spaeter steh ich endlich auf der Passhoehe - oder zumindest was ich dafuer halte. Die Sicht betraegt ungefaehr 50m, ich bin bis auf die Knochen durchnaesst, 3 mal voll gegen die Leitplanke geblasen worden (gut, dass die da ist! es geht ganz schoen steil runter) und es ist ganze 3C warm. Aber es gibt eine Huette, in der ich erstmal gruendlich mein Budget sprenge mit Lachssuppe, Broetchen und Kuchen. Dummerweise wird zur Halbzeit ne ganze Busladung Touristen ausgekotzt und nervt gruendlich: "Huch, schau mal AnneLise! Ein Elch!" zum Elch an der Wand. Und der Reisefuehrer bruellt dazwischen wie ein Kindergaertner oder ein Schafhirte. Ich mag meine Landsleute als Reisende nicht. Man kann doch nicht in ein Lokal gehen und als erstes lauthals verkuenden es sei ja schrecklich, dass ueberall diese einheimische Musik gespielt wird. Und erwarten, dass der Gastgeber Deutsch spricht. Das ist ja oft genug der Fall (irgendwie scheinen alle Norweger Sprachgenies) aber man koennte diesen Luxus zumindest dankbar wuerdigen und nicht stumpf voraussetzen. Ts! Naja, sind ja nicht alle so... hoffe ich. Wobei ich auch schon mit Einheimischen gesprochen habe, die sich deutlich negativ ueber die Touristen und insbesondere Deutsche geaeussert haben... Ab vor die Tuer und rein in den Sturm. Tief gebaeugt zum Fahrrad gegen den Wind faellt sogar das Atmen schwer. Ich fahre bergab, der Regen tut weh im Gesicht und die Baeche auf der Strasse scheinen mir bergauf entgegenzufliessen. Mir kommen zwei niederlaendische Fietsers mit Haengern entgegen - aber unter diesen Umstaenden faellt die Unterhaltung recht sparsam aus. Im naechsten Fjord ist das Wetter aber schon deutlich ruhiger und angenehmer - ab ca 300m Hoehe sind die Berge mit Neuschnee ueberzuckert. Jemand erzaehlte mir wenn man Norwegens Kueste geradeziehen wuerde reichte sie einmal komplett um den Aequator. Nachdem ich jetzt schon mehrfach mein Ziel "wasserlinie" nur ein paar hundert Meter vor mir sah, aber noch etliche Kilometer bis dorthin fahren musste, glaub ich das problemlos. Auf Schildern stehen manchmal zwei Entfernungsangaben fuer ein und denselben Ort: einmal Distanz mit Faehre abgekuerzt, einmal den Fjord umfahren. Der Unterschied ist teilweise mehr als 100km. Die Lofoten solle ich mir vorstellen "as if the Alps rose directly from the sea". Es ist hier schon monumental - schade, dass die Berge alle ab ca 400m Hoehe durch dichte Wolkendecke abgeschnitten sind.

2004-06-18

Bloeder Tag. Ich verpasse meine Faehre, lass meine Kekse an der Kasse liegen, es regnet die ganze Zeit ueber in kuerzen Schauern und ich seh die Sonne nicht ein einziges Mal. Aber vor allem hab ich weiterhin Gegenwind und so langsam zerrt der nicht mehr nur an meiner Kleidung sondern auch an meinen Nerven. Nach Polen, dem Baltikum und Finnland hatte ich mich wegen des Windes so gefreut endlich nach Sueden fahren zu koennen - und was ist?! Irgendwie fuehl ich mich beschissen. So langsam versteh ich warum einer der erfahreneren Radfahrer sein Buch "Der Wind weht immer von vorn" genannt hat. Ich fuehl mich durch die vielen Fahnen in den Gaerten der Norweger regelrecht verspottet - alle flattern in meine Richtung. Die Berge sind weiterhin beeindruckend, obwohl sie sich auch weiterhin obenrum mit undurchdringlichen Wolken verhuellen. Ich beende den Tag frueh auf einem kleinen Campingplatz und will Duschen und Waesche waschen um wenigstens ein bisschen produktiv gewesen zu sein. Der Platz ist voll mit niederlaendischen Wohnmobilen und die Karte in der Rezeption, wo Besucher eine Nadel in ihren Herkunftsort stecken koennen, zeigt nur Holland. Hmm... Im Waschraum spielt eine schrecklich leiernde Kassette schrecklich leiernde deutsche Schlager. Ich sitz halb nackt auf nem Stuhl und schneide mir mit dem Taschenmesser Bart und Naegel. Ploetzlich bin ich von ner Gruppe aelterer Niederlaender umringt und gebe eine Audienz: "Ist das der Fietser?" "Ja, Fietser mit Bart! Den hab ich schon am Kapp gesehen!" Voellig surreale Situation. Einer von ihnen laeuft morgen einen Marathon in Tromso mit.
Viele beeindruckende Wasserfaelle gesehen heute. So einen haette ich auch gerne in der Naehe. Wobei ich die Massnahme eines Norwegers doch uebertrieben fand, der sein Haus brueckenartig ueber die Stromschnellen eines Baches gebaut hat. Imagine that: erst kann man wegen des Rauschens nicht schlafen, nach Jahren der Gewoehnung dann nicht mehr ohne...

2004-06-19

Der schwedische Biker Hikan (= Koenig) kommt mir entgegen. Ich bekomme das zweite mal heute Informationen zum Standort der vier Norweger - einholen werde ich sie wohl nicht mehr, zumal ich auf mehrfache dringende Empfehlung nun nicht nur ueber die Lofoten sondern auch Norwegens groesste Insel Senja und die Vesteralen fahren werde. Hikan ist voll meine Wellenlaenge und so quatschen wir denn lange ueber den Winter hier (ich will!), Berge, Hiken, Skifahren, Canada... Vielleicht klappt ja wirklich mal ne gemeinsame Skitour in Schweden. Until then - have fun!
Das Wetter ist hervorragend und die Strecke ueber Senja wirklich lohnend. Ich hab nur wenig Gegenwind, meist liegt das Wasser spiegelglatt und ruhig da, und so fahre ich 130km mit nem Schnitt von 21km/h. Ich bin trotzdem erst spaet abends im Zelt, weil ich festgestellt habe, dass selbst die kleinsten Zeitschriftenlaeden englische Buecher fuehren - und mit Buch an Bord dauern meine Pausen ploetzlich wesentlich laenger. So hab ich mir denn selbst die Regel gesetzt nur ein Kapitel pro Rast zu lesen - dumm nur, dass das Buch 700Seiten aber nur eine Handvoll Kapitel hat - also darf nur alle 30-40km angehalten werden ;-) Einen Stop mache ich bei nem grossen Sportfest. Kinderfussball mit mehreren hundert (spaeter erzaehlt mir jemand 3000!) Teilnehmern, die alle dort zelten. Angenehme Stimmung. Ich fahre den ganzen Tag in t-shirt und bin deshalb etwas ueberrascht, als mir bei der letzten Abfahrt fast die Finger einfrieren. Trotz Mitternachtssonne zeigt mein Tacho nur 3C.... Merke: Nachdem man gerade eben noch in sein Journal geschrieben hat wie kalt es ist sollte man nicht anschliessend barfuss im nassen Sumpfmoos herumlaufen und Fotos machen - brrr ;-)

2004-06-20

Wunderschoene Kueste. Schmale Strasse, links steile Berghaenge, rechts Klippe ins Meer. Wohnhaeuser sind teilweise auf Felsen im Wasser errichtet und nur ueber hoelzerne Haengebruecken zu erreichen. Im Inland nennt ein Schild den Familiennamen und deutet auf einen schmalen Trampelpfad - das Haus selbst ist nirgendwo zu sehen, versteckt in gruenen Haengen. Der fehlende Wind gestern war wohl lediglich ein Ausrutscher, heute blaest er mir wieder ins Gesicht. Eine Faehre faellt aus (Sommerfahrplan gilt erst ab morgen), weshalb ich mich einige Stunden mit Lesen in der Sonne und Unterhaltung mit einem ebenfalls wartenden deutschen Radfahrerpaerchen beschaeftige. Die knapp zweistuendige Ueberfahrt auf dem kleinen Schiff ist recht amuesant: sobald wir den schuetzenden Fjord verlassen haben bekommt man einen kleinen Vorgeschmack vom Seegang auf dem offenen Atlantik. Aus dem Fenster sieht man in einem Moment nur Wasser, im naechsten nur Himmel. Auf Deck taumeln die Leute wie Betrunkene durch die Gegend. Jemand versucht volle Kaffeetassen eine Treppe hochzutragen und kommt oben mit leeren an. Kein Wunder, dass unsere Fahrraeder gut vertaeut wurden. Auf der Insel sind die Daecher einiger Haeuser zusaetzlich mit Drahtseilen zum Boden abgespannt und gesichert - scheinbar war alles, was ich bisher erlebt habe lediglich eine leichte Brise.
Norwegen ist nach Luxemburg das reichste Land Europas und Oslo die teuerste Stadt der Welt - deswegen schmilzt meine Kohle also so dahin... hmm...

2004-06-21

Das Ehepaar aus Kiel (vom Faehranleger gestern) holt mich wieder ein, da ich noch bis 1500Uhr im Zelt gelegen und das Buch vernichtet habe. Wir radeln ne Weile gemeinsam, aber es liegen wohl doch ein paar zu viele Jaehrchen zwischen uns und ich komme nicht so ganz auf ihre norddeutsch kuehle Art klar, so dass ich bald wieder allein weiterziehe. An und auf der naechsten Faehre unterhalte ich mich mit einem deutschen Ehepaar, die mit nem Wohnmobil durch die Gegend cruisen. Sehr nett. Wildcampen auf den Lofoten ist gar nicht so leicht, es gibt den Fjord, den Steilhang, die Sumpfwiese oder private Gaerten zur Auswahl. Ich finde ein Plaetzchen nahe nem Wasserfall. Was mich an "Lord of the Rings" denken laesst. Im Film haben sie dort eine Hoehle hinter nem Wasserfall als Versteck und unterhalten sich darin gemuetlich. Ein Wasserfall von der Groesse muesste aber ungefaehr die Lautstaerke eines endlos vorbeirauschenden Gueterzuges haben.

2004-06-22

Irgendwie komm ich mir langsam verarscht vor. Ich habe gestern trotz 1 Stunde Regen und Gegenwind als Schoenwettertag in Erinnerung. Heute ist wieder ein "normaler" Tag: es regnet 5 Stunden bevor ich das Zelt verlasse, dann fahre ich den ganzen Tag gegen die Boeen und abends noch einmal durch Regen. Von den "Alpen im Meer" hab ich rein gar nichts, da sie komplett in der grauen Bruehe verschwinden. Es gibt nur eine Strasse, und die ist deshalb rege befahren. Zudem hatte ich mir die Inseln irgendwie wilder vorgestellt, in der Realitaet ist jeder freie Platz bebaut. Der Eindruck gilt fuer Norwegens Fjorde aber allgemein. Das Land ist riesig und hat eine sehr geringe Einwohner pro Quadratkilometer Dichte, aber da es so wenig ebene Flaeche gibt wirken die Taeler und Fjorde doch recht voll. Naja, immerhin konnte ich mir nen guten Campspot finden - sogar mit Sandstrand. Hoffe bis morgen lichten sich die Wolken und ich kann auch die Bergkulisse dazu geniessen.

2004-06-23

Noch bevor ich mein Zelt abgebaut habe rauschen mehrere Gruppen Biker an mir vorbei. Ich geh noch Shoppen, dann ueberhol ich sie alle ;-) Die suedlichen Lofoten gefallen mir wieder besser, es regnet nicht und die Doerfchen sind auf die Felsen und Pfaehle im Wasser genestet. Bruecken sind einspurig und die Strasse gewunden an Klippen vorbei und ueber Daemme. Zwei Stunden warte ich gemeinsam mit nem norwegischen Biker Paerchen (alles Gepaeck in einem Kinderanhaenger) auf die Faehre. Die Ueberfahrt dauert vier Stunden. An meinem Tisch werde ich von einer aelteren Dame angesprochen, die eine dieser Bustouren mitmacht. Bald beantworte ich nicht nur ihr, sondern gleich dem Nebentisch und einer stehenden Audienz die ganze Batterie Standard Fragen. Sie sind hoeflich und neugierig interessiert, aber ich komme mir trotzdem bloed vor. Wie eine von ihnen richtig bemerkt sei ich wie ein spannender Reisefuehrer - eine weitere Sehenswuerdigkeit auf der Tour. Doch dann gesellt sich eien dazu, die mich durch ihre ruhige Ausstrahlung und ihren geraden Blick spontan beeindruckt. Sie stellt nicht die 08/15 Fragen, sondern die nach dem Kern der Sache, die Fragen, die ich nicht so leicht beantworten kann. Offenbar weiss sie wovon sie spricht. Ihre Tochter ist rucksackreisend durch Peru getingelt, sie selbst ist mit 25 im (nicht auf) Ruecksitz eines Wagens aus der DDR geflohen und hat 43 Jahre als Kindergaertnerin gearbeitet. Jetzt sucht sie bei mir den Mut und letzten Anstoss eine Trekking Tour in Nepal, die sie letztes Jahr ausschlug, doch noch zu machen. Sie haben mich beeindruckt Lady - eigentlich sollte ich mir bei Ihnen was abgucken und nicht andersherum!
Die Landung in Bodo ist ein kleiner Schock: es gibt mehrspurige Strassen, Laermschutzwaelle, haufenweise Ampeln (hatte wochenlang keine mehr) und alle paar km nen neuen Vorort. Ich ueberrasche zwei Jungs, als ich auf ihre Zurufe tatsaechlich anhalte. Sie spielen "football golf" - eine Art Minigolf, nur dass man den Parcours mit dem Fussball navigieren muss. Eigentlich dachte ich, ich kaeme heute endlich mal wieder frueh ins Bett, aber als ich unter der Bruecke am maechtigsten Gezeitenstrom der Welt Schaulustiger spiele, treffe ich Holger und seine Frau wieder (die beiden vom 21ten). Wir geniessen also gemeinsam eine wunderschoene Mitternachtssonne waehrend vor uns das Wasser in grossen Strudeln vorbeigluckert. Vielleicht schaff ich es ja noch einmal sie in ihrem Auto mit Wohnwagen einzuholen - wir haben uns jedenfalls lose zu einer gemeinsamen Hoehlenbesichtigung verabredet. Holger angelt - isst aber keinen Fisch - alter Spinner! ;-)

2004-06-24

Sommer!! Endlich. Nachts wunderschoen klar bei 7C, den ganzen Tag dann strahlender Sonnenschein bei deutlich ueber 20C. Ich fuehl mich nach Ronja Raeubertochters Fruehlingsschrei. Keine 3min nach meinem Start unterhalte ich mich mit einem Schweizer Biker, der am Strassenrand steht und zwei Elchen hinterherguckt. Danach fahr ich ins Paradies. Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Landschaft hier noch zu toppen sein soll. Alle paar hundert Meter muss ich anhalten und Fotos machen. Oder neben einem Wasserfall die Felsen hoch oder runterklettern. Ganze Felswaende sind durch das herabrinnende Wasser so glatt und glaenzend, dass sie wie ein Spiegel den Himmel reflektieren. Man hatte mich vor dieser "Touristenstrasse" (www.rv17.no) gewarnt, sie sei zu sehr mit Wohnmobilen befahren. Bisher stimmt das absolut nicht, eher im Gegenteil sind hier weniger von der Bande unterwegs als bisher. Ich glaube der Grund sind die vielen Faehren auf der Strecke: fuer mich sind die kostenlos oder sehr guenstig, die Strassenschlachtschiffe zahlen sich halb tot. Bsp die Ueberfahrt gestern: ich zahl 132NOK (1e = 8NOK), 2 Personen, Auto und Wohnwagen kostet ca 1700 NOK. In der Hinsicht mag ich die Norweger sehr, am Kapp wars aehnlich: motorisiert muss man 190NOK Eintritt zahlen und zweimal mehrere Hundert fuer die Tunneldurchfahrt. Eintritt in den "Royal North Cape Club" kostet noch einmal 25Euro. Fuer mich war das alles kostenlos (der Club nur mit ein bisschen betteln ;-) ) - so muss das! Fahrradfahrer an die Macht! Zwei Jungs verticken am Strassenrand Eistee. Ich kaufe und teste ihr Schuldeutsch - sehr lustig das. Noch einmal zu Deutschen als Touristen: Ich bin schon oft fotografiert und gefilmt worden, meist werde ich hoeflich um Erlaubnis gebeten oder jemand filmt gerade die Bergkulisse und wenn ich vorbeikomme folgt die Kamera ploetzlich dem Fahrrad. Aber beim Warten auf die Faehre letztens war einer einfach zu dreist. Sagt nichts, packt seine Videokamera aus, rennt um mich herum und filmt von allen Seiten. Ziemlich scheiss unverschaemt dreist wuerd ich sagen. Wuerd mich interessieren was er davon hielte, wenn ich das mit ihm machen wuerde. Ueber Wohnmobile haben die Norweger auch nichts gutes zu sagen. Fahren wie Idioten mit den Augen mehr in der Landschaft als auf dem Verkehr und bringen kaum Geld. Um Norwegens Preisen zu entgehen wird die Karre bis oben hin vollgebunkert und "in Norwegen hinterlassen die rollenden Supermaerkte nur ihre Scheisse". Sie sind auch der Grund, warum das skandinavische Jedermannsrecht, das unter anderem jedem das freie Campen auf Staatsgrund erlaubt, zunehmend eingeschraenkt wird. An Rastplaetzen (die meist hervorragend ausgestattet und schoen gelegen sind) stehen viersprachige Schilder, die den Aufenthalt zur Uebernachtung ausdruecklich verbieten. Davor parkt nicht einer, sondern gleich ein ganzes dutzend Wohnmobile, die den Hinweis stumpf ignorieren. Campingplaetze sind keine Campingplaetze mehr sondern Parkplaetze. Deprimierend irgendwie - hat denn alle Welt verlernt wie man ein Zelt aufstellt? ... Meine Versuche mit anderen Reisenden mein Buch zu tauschen schlugen bisher alle fehl (keine Englisch-Muttersprachler gefunden) also will ich mir ein neues kaufen. Buchlaeden sind schon geschlossen, aber es ist eine Art Dorffest im Gange mit Flohmarkt. Die charmante junge lady versucht mich zu bequatschen doch auf norwegische Comics umzusteigen - ich koenne ja die Bilder "lesen" - nein danke ;-)
Irgendwie komisch, wie sich meine Perspektive veraendert. Zu Hause wurde ich bemitleidet oder bewundert (je nachdem) weil ich jeden Tag 30km Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurueckgelegt habe - jetzt fahre ich dieselbe Strecke mit Gepaeck vor dem Fruehstueck. Die Laenge eines Tunnels entspricht der Distanz von Havixbeck nach Roxel und in der Roehre ueberwinde ich mehr Hoehenmeter als bei einer Rundreise durch die heimatliche Baum"berge". Und was ist schon der Dorftuempel nachdem man einmal an der Unendlichkeit des Atlantik gestanden hat?
Grmpf! Beschissenes Ende eines schoenen Tages: Ein Schild 7,6km Tunnel, Fahrraeder und Fussgaenger verboten, Gas im Tunnel. Ich werde nicht 25km Sackgasse und 5 Tunnelkilometer zurueckfahren deswegen. Entweder nimmt mich morgen jemand mit (mit Fahrrad und Gepaeck?!) oder ich fahr da rein - Motorradfahrer ueberleben das schliesslich auch irgendwie. .. Haha! Gerade schreib ich das, da kommt ein Auto zu dem Zelt neben mir (populaerer Wildcamp Spot wies scheint). Ein Norweger, der hier mit seinen Kindern zeltet - er gibt Entwarnung was den Tunnel angeht und meint der sei gut fahrbar. Aber... die Schweine sind hier zum Skifahren!!! Die waren bis gerade noch zur Mitternachtssonne auf dem BlackIce Glacier, der zweitgroesste Norwegens. Der ist direkt nebenan durch einen Tunnel erreichbar, der sei allerdings steil, unbeleuchtet und mit schlechtem Strassenbelag - ich solle da besser nicht rein. Skifahren im Juni, direkt vor der Haustuer - will auch!!!

2004-06-25

Holy shit! Das so ein Schoenwettertag in eine dermassen infernalische Furie von Sturm degenerieren kann haette ich nicht erwartet. Beim naechtlichen Pissen (mit dem Wind!) erreicht kein Tropfen den Boden - alles wird in einen feinen Nebel zerstaeubt... Meinen Nachbarn hats gerade das Zelt zerlegt. Die versuchen zu dritt die flatternden Reste festzuhalten und ins Auto zu bergen - mitten in der Nacht - arme Saeue. Ich kann sie mir richtig vorstellen: gehaessige, kleine, graue Maennchen in ihrer Wetterstation, die aussieht wie Houston Mission Control. Ploetzlich ertoent eine Sirene, das Rotlicht springt an und eine Stimme plaerrt ueber Lautsprecher: "Achtung, Achtung! Alarmstufe rot! Der Radfahrer freut sich ueber gutes Wetter. Sofort Abfangstuerme entgegenschicken und den Regenbeschuss wieder aufnehmen!" Kurz darauf peitscht es gegen mein Zelt, das mitterlweile auch fast wegfliegt... (hab n nettes Video davon gemacht ;-) )
So, den Tunnel hatte ich jetzt auch ueberlebt. Ohne das Gaswarnungsschild waer es nicht halb so spannend gewesen, aber so heize ich mit nem fast 30er Schnitt dadurch und brauche nur ne knappe 1/4 Stunde fuer die 7600m. Ich bilde mir ein einen leichten Druck auf der Lunge zu spueren und Kopfschmerzen zu bekommen, aber nach Abgasen stinken so Tunnel immer und ich vermute eher, dass Aufregung und Anstrengung verantwortlich sind. Die Tunnel hier sind aus dem rauhen Fels gebohrt und gesprengt, sehen also fast wie wilde Naturhoehlen statt Betonroehren aus. Sie sind schwach daemmrig gelb beleuchtet, aber die Lampen sind immer wieder ausgefallen, so dass man hunderte Meter durch pechschwarze Finsternis faehrt. Eigentlich kein Problem, wenn nicht das Tropfwasser immer mal wieder grosse Loecher in den Asphalt gegraben haette. Zwischendurch hoert man das Rauschen und Gluckern unterirdischer Wasserlaeufe, die auf eine in den Tunnel gespannte Plane prasseln und seitlich abfliessen.
Ich veranstalte ne James Bond maessige Raid auf die boesen kleinen Wettermaennchen und erschiesse sie alle. Also komm ich aus dem Berg zu Sonnenschein und Rueckenwind in einen wunderschoenen Fjord, ueber dessen Bergruecken immer wieder Stuecke des Gletschers hinausragen. Lustiges Faehrenhoppeln geht los: ein Schwung Autos, dann hab ich wieder 30km Strasse fuer mich allein. Ein paar Fahrer treff ich an jeder Faehre wieder und das macht schon fast den Eindruck einer Gruppenreise. Rockclimbers Paradise hier - eigentlich muesste ich ununterbrochen ne Camera mitlaufen lassen statt nur Fotos zu machen. But then again, in a way I'm doing just that. I doubt I'll ever forget the sights here.
Ist das geil in einem Land zu sein, das so voller Energie ist: Gezeitenstroeme, Brandung, Wasserfaelle, Stuerme,... aber auch die Landschaft selbst ist so brutal und wild gebrochen aus Felsen - das ist Kraft. Ich denke viel ueber den Entwurf autarker Haeuser nach. Hier machen sies fast standardmaessig: du brauchst fliessend Wasser? Installier nen Schlauch in den Wasserfall hinterm Haus. Strom? Pack nen Wasserfall komplett in die Roehre. Dazu grasgedeckte Daecher und rote Holzwaende und das Haus ist praktisch nicht existent. Korrekt! Rein in den naechsten Tunnel bei Regen, 3km spaeter raus in die Sonne. Faehre um 10min verpasst, also 2 Stunden chillen. Das wird meine Polarkreisueberquerung Richtung Sueden - diesmal also aufm Wasser. Ich beobachte die Unterhaltung der beiden, die hier arbeiten. Beide so 20-25 Jahre alt. Sie hip, trendy, sexy and knows it. Mit gut sichtbarem String unter weisser Hose. Er der ruhige, pummelige, schluffige Typ. Schlabbriges t-shirt und kaum Koerperspannung. Die Interaktion spricht Baende. Manche Dinge sind wohl immer gleich, egal welches Land oder welche Sprache...
Ich komm von der Faehre als ich aus nem fahrenden Campingbulli das Angebot bekomme samt Fahrrad n Stueckchen mitgenommen zu werden. Ich lehne selbstredend dankend ab. Zwei Stunden spaeter steht derselbe Bulli am Strassenrand und ich bin zum Essen und Rotwein (eigenhaendig aus Portugal angekarrt) eingeladen. Wolfgang ist evangelischer Priester aus Muenster und hervorragender Gespraechspartner. So filosofieren wir denn ein paar gemuetliche Stuendchen. Zwischendrin kommt ein weiterer Wolfgang auf dem Fahrrad die Steigung hochmalocht. Er hat in Berlin eine Firma (www.cs-video.de) und filmt ein Interview mit meinem Gastgeber und mir, welches er spaeter auf DvD produzieren und privat vertreiben will. Er hat news, was meine Norweger Verfolgungsjagd angeht: 100km und es sind nur noch die drei Maenner. Ich fahr noch 30km (ja, es wird wieder spaet). Scheuche einen Fuchs auf, den ich diesmal fast auf Foto erwischt haette - scheue Viecher. Fahr drei km Tunnel und komm auf der anderen Seite in zauberhafte "Fjord Magic" wie es hier genannt wird. Ein Regenbogen von solcher Intensitaet, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Komplett von Boden zu Boden mit parallel verlaufendem, schwaecheren Zweitbogen. Danach huellen mich die Wolken ein und ich werde gruendlich nass - aber selbst das ist diesmal ein Erlebnis, da der Nebel durch die Mitternachtssonne fantastisch rosa-rot leuchtet. What a truly divine day!

2004-06-26

Happy birthday BigT! Wollte ja eigentlich den Poststempel von heute bekommen, aber so wies aussieht stehen die Aktien schlecht dafuer.
Regnet die ganze Nacht und nieselt den ganzen Tag. Ich maloch mich eine Steigung hoch und vom markierten Aussichtspunkt aus kann ich ca 20m weit in die Wolken gucken. Ueber einen Fluss trainieren norwegische Pfadfinder ab- und ueberseilen. Die Teilnehmer sind 7-10Jahre alt. In einer Bushaltestelle macht ein aelteres Radfahrerpaerchen aus den Niederlanden Rast. Sie laden mich auf Schnitten mit selbstgemachter Marmelade ein (much appreciated! Ich hab kein Geld mehr, der naechste Automat ist noch ewig weit weg und die Geschaefte am Samstag eh schon alle geschlossen) und wir unterhalten uns nett fuern Stuendchen.
Merke: Bei Serpentinenabfahrten die Geschwindigkeitsbegrenzung fuer Autos hoechstens um 20km/h ueberschreiten, auf nasser Strasse 10km/h. Sonst schleifen die lowrider Taschen auf der Strasse und man ragt mit dem Oberkoerper in die Gegenfahrbahn. Vom Tal aus kann ich zugucken, wie sich Nebelschwaden langsam die Felsen herunterschieben, sieht geil aus und erinnert mich an diesen Verhuellungskuenstler. Ich fahr ueber eine riesige Haengebruecke (die erste, fuer die die Norweger von Motoristen Geld verlangen). Das besondere ist, dass sie nicht wie erwartet ueber den Fjord fuehrt, sondern mitten drin im Wasser endet - bzw auf einem Deich, der rechtwinklig abknickt. Sehr abgefahren das. Neben der Strasse steht ein Elch auf der Wiese und rennt los, als er mich kommen sieht - vor mir her auf der Strasse. Ich halte mit einer Hand die Kamera, mit der anderen meinen Papierkram, der aus der Lenkertasche wegzufliegen droht, lenke mit den Ellbogen und verfolge das Vieh. Leider komme ich nicht auf die Idee ein Video zu machen und so gelingen nur ein paar wakelige Schnappschuesse. Schade drum, ich haette gerne diesen Sumpflaeufer Gang der Elche eingefangen - der sieht zu albern aus. Der Kollege konnte uebrigens 34km/h rennen ohne sich grossartig anzustrengen - im Gegensatz zu mir. Die Verfolgung endet nach ca300m, als das Tier in die Garageneinfahrt eines Hauses entkommt.
Ein Freund der Familie in Canada hat uns in seinem Auto mal mit auf nen Huegel genommen und eine Geschichte von magnetischen Bergen erzaehlt. Dann an einer Steigung angehalten, Motor aus, Gang raus, und das Auto rollte bergauf. War natuerlich ne optische Taeuschung. Hier ist es aehnlich nur andersherum: es scheint bergab zu gehen, ich gewinne aber dauernd an Hoehe. Die Tueren der Plumsklos funktionieren invers zu normalen Tueren: stehen sie offen ist jemand drin, sind sie geschlossen ist es frei. Grund: es gibt kein Licht und wenn man sehen will, wo man hinkackt muss die Tuer offenstehen ;-) Irgenwie ist hier alles invers - ich fahre ueber eine Kette von kleinen miteinander verbundenen Inseln. Sie sind von freilaufenden Schafen und Rindern komplett kahlgefressen - bis auf die eingezaeunten Weiden. Meine zweite Faehrueberfahrt des Tages verpasse ich und damit auch das letzte Schiff. Ich campe also direkt am Anleger.

2004-06-27

Auf der ersten Faehre treffe ich ein deutsches Radfahrerpaerchen, die sind aber richtiggehend unfreundlich und von der "leave me alone" Faktion. Trotz allem sind wir Radreisenden immer noch zu wenige, als das wir einen repraesentativen Querschnitt durch die Gesellschaft bilden wuerden und so sind alle irgendwie exotische Unikate. Dennoch gibt es in meinen Augen wenigstens drei Kategorien, denen alle mehr oder weniger angehoeren: Die "Equipment Fetischisten". Fuer die ist die Ausruestung bereits mehr als die halbe Tour und bevor sie einen Blick auf dich werfen checken sie dein Fahrrad. Einem solchen bin ich mal begegnet und er bemitleidete mich wegen meines no-name bikes - bis er dann herausfand, dass meines von derselben Firma wie sein eigenes und sogar der grosse Bruder davon war. Ich habe nur alle Logos abgeknibbelt. Peinlich. Dann gibt es die "Sportler". Fuer sie zaehlt nur wieviele km heute und wieviel km/h? Mit solchen ist es schwierig ins Gespraech zu kommen, da sie bestenfalls gruessen und dann mit angestrengt verkniffenem Gesicht weitermalochen - gabs heute 4 von in Gegenrichtung. Und zuletzt gibt es die "leave me alones". Diese halten sich mit ihrer Radreise und Route fuer etwas ganz besonderes und jeder weitere Radfahrer schmaelert also den Ruhm und die Einzigartigkeit, besonders wenn, Gott bewahre!, der andere schon weiter herumgekommen ist. Diese haetten dich am liebsten gar nicht gesehen. Aber egal, im grossen und ganzen sind alle ueberaus korrekt und ich freu mich in jedem weiteren Radler einen Auofahrer weniger zu sehen. Die beiden heute versaege ich dann also besser ganz schnell, nur leider steht 17km spaeter die naechste Faehre an, die ich um eine Minute verpasse, so dass die beiden wieder aufholen. So wie sie ihre Kette von einem Gang in den naechsten bricht muss ich mir aber wohl keine Gedanken machen die noch einmal zu treffen - lange ueberlebt das keine Schaltung. Ich vertue mich etwas und erwarte nach dieser zweiten Faehre die dritte hinter jeden Kurve. Ich hatte aber den Plan falsch im Kopf, und so fahre ich 62km mit nem 23km/h Schnitt ohne ein einziges Mal anzuhalten, bis ich endlich tatsaechlich den naechsten Anleger erreiche. Lohn der Muehe ist perfektes Timing aufs Schiff und der voellig entgeistert, unglaeubige Blick zweier Motorradfahrer, die ich auf der letzten Faehre schon traf, und die mich hier noch nicht erwartet haetten. Nach der Ueberfahrt wird die Landschaft und das Wetter noch einmal wunderschoen - nicht mehr das offene Meer, sondern verschlungene steile Taeler, teils mit Suess, teils mit Salzwasser gefuellt. BTW: Wo ist Steuerbord bei einer Faehre, die symmetrisch ist, in beide Richtungen faehrt und waehrend der Ueberfahrt 3 mal an kleinen Inseln anlegt - jedesmal in anderer Ausrichtung, je nachdem ob gerade zu-oder entladen wird?
...Und wieder schaff ichs nicht frueh ins Bett - obwohl ich bereits um 2130Uhr fertig bin mit Lageraufbau und Essen. Der Grund? Margaret und Frank, ein Ehepaar aus Grossbritannien, die mit ihrem Camper hier sind und mit denen ich endlich mein Buch tauschen kann - und stundenlang zusammensitzen und quatschen. Frank war nach dem Krieg in Forschung mit elektromagnetischer Stealth Technik involviert und kann mir mehr ueber die Satellitenbilder und Luftaufnahmen erzaehlen, mit denen ich beruflich zu tun hatte, als ich ihm. Ausserdem touren die beiden schon seit Monaten und wir Kurzurlauber haben uns immer was zu erzaehlen ;-)

2004-06-28

I've seen a graffitti which read: "Millions now living will never die" ... I wonder... if it was true, aren't we obliged to create memories worthy of immortality right now? Instead of all that terrorism, poverty, pollution, war bullshit? Ich treff den ersten Biker aus Italien und quatsch ne Weile mit ihm. Er will auch irgendwann die Donau fahren und hat ne Menge Fragen. An nem Rastplatz hol ich Frank und Margaret wieder ein und lerne diesmal auch ihre Freunde in dem zweiten Camper kennen. Bin jetzt Teil eines weiteren Urlaubsvideos und habe Adressen in England - koennte bald nuetzlich werden. Ausserdem Preise und Zeiten der Faehre nach Newcastle. Ein Schild erzaehlt mir, dass ich mich in der Gegend mit der saubersten Luft Europas befinde - so richtig geniessen kann ich das aber nicht, weil mir eben diese Luft gerade in Sturmboeen entgegenkommt. Also den Tag frueh beenden und auf dem Camping Platz Waesche waschen. Nix leichter als das. Denkste. Erst find ich die Waschmaschine nicht, da sie in der Frauendusche (jaja) versteckt ist. Dann bitte ich meine deutschen Nachbarn um Waschpulver, kein Problem, bekomme ich sofort, aber gehen laesst sie mich nicht wieder. In ihren Redeschwall kann ich nicht einmal ein "ja","hmm hmm", oder "oh" einfuegen. Als dann auch noch ihr Mann vom Angeln wiederkommt, und eine Anglerweisheit nach der anderen beisteuert, ist alles verloren. Dann faengt es an zu giessen und es gibt keinen Trockner - herzlichen Glueckwunsch! Dafuer aber wieder nen fantastischen Regenbogen.

2004-06-29

Gewohntes Bild, ich liege bis mittags im Zelt, es regnet immer noch. Ich packe nass zusammen, fahre aber nur bis zur Bibliothek. Dort sitze ich von 1300 bis 1900Uhr am Rechner und schreibe mein Journal / lese mails. Als mich die Bibleothekarin zum Feierabend rauswerfen will kommen wir ins Gespraech. Sie hat mit ihrem Mann, der Botschafter ist, viele Jahre in verschiedenen Laendern Afrikas gelebt und ist dort oft mit dem Zelt gereist. Sie ist die erste, die mir uneingeschraebkt empfiehlt unbedingt dorthin zu reisen. Die normale Reaktion der Leute ist Skepsis und "da wirst du ausgeraubt", "gefaehrliche Tiere", "Krankheiten", "Hitze", "Buergerkriege"... But just listening to the old ladies' dreamy voice and seeing her eyes drift away, glancing into the far distance, makes you want to teleport to Africa instantly. She obviously loves it and that is very encouraging. Um den Tag km technisch nicht voellig umsonst gestartet zu haben fahre ich bis Mitternacht noch mal eben 80. Allerdings bringt mich das diesmal in kleinere Schwierigkeiten - die Landschaft hat sich sehr zu meinem Nachteil veraendert, es ist nicht mehr so schroff bergig und vor allem gibt es nicht mehr so viele Wasserlaeufe fuer Trinkwasser. Die wenigen, die noch da sind, sind durch das heutige Guellefahren der Landwirte voellig verseucht. Ich finde endlich Wasser, aber von sehr zweifelhafter Qualitaet und nutze es nur zum Kochen. Was auch wieder mal ein Riesenspass ist, weil der Kocher streikt. So russ ich denn meinen frisch geduschten Astralkoerper und frisch gewaschenen Klamotten ein und alles stinkt nach Benzin. Das ganze waehrend es nieselt und mich Wolken von no-see-ems (kleine fliegende Viecher, die sich in die Haut graben und Jucken) umschwaermt werde, die mich halb wahnisnnig machen (ich benutze keinerlei chemisches Abwehrzeugs). Bis ich endlich gegessen habe und in mein vom nassen Einpacken ueberall pitschnasses Zelt klettere ist es fast 0200Uhr. Der Kocher geht mir echt aufn Sack. Das einzige, was mit so einem Benziner schiefgehen kann sind Verstopfungen durch unsaubere Verbrennung, Russ. Die Druckpumpe ist ok, die Duese ist sauber, also bleibt nur die Zuleitung und die kann ich weder vernuenftig reinigen noch kontrollieren. Und jeder fehlgeschlagene Zuendversuch russt das Teil erneut zu und ich muss es wieder komplett zerlegen - frustrierende Sauerei. Aber Benzin ist der einzige Brennstoff, den man wirklich ueberall bekommt und wenn er funktioniert kocht ein Topf Wasser auch doppelt so schnell wie bei einem Gaskocher. Also gibt es nicht wirklich eine Alternative. Andere Radfahrer hatten ein halbes Dutzend Gaskartuschen an Bord. Oder noch besser, die Motorradfahrer, die kein Brot mehr einpacken konnten, weil sie 5l Kanister Spezialbrennstoff fuer ihre Lampen dabeihatten - es wird hier aber niemals dunkel! Die Kollegen haben sich ueber ihre eigene Dummheit schwarz geaergert.

2004-06-30

Seit drei Tagen bluehen auch hier die Blumen ;-)
Ich stelle fest, man kann die nutzbare Zeit des Tages extrem verlaengern, wenn man nur die Pausen aus dem Programm nimmt - und so fahr ich denn 70km ohne Stop bevor meine Blase meint ich solle anhalten. Zudem zeigt sich in dem Moment die Sonne das erste Mal heute - und das ist schon einen Asbach Uralt wert... aeh, ein bisschen rumliegen meine ich natuerlich ;-) Wenig special events heute, dafuer recht gutes, windstilles Wetter und so komme ich auf fast 7 Sattelstunden und 132 Tageskilometer. Hab mich schon oefter gefragt, ob im Zweifelsfall jemand die Sicherheitseinrichtungen der Faehren zu bedienen wuesste. Die Frage hat sich wohl noch jemand gestellt und so lagen in der Faehre nach Trondheim Rettungswesten in der Kinderspielecke. Die Kinder fanden es geil und lernen noch was sinnvolles. An nem Tankautomaten unterhalte ich mich ne Weile mit nem Fischer. Er hat nen Verwandten in Hamburg, der 14 (!) Sprachen spricht.

2004-07-01

Um 0400 Uhr morgens erschreck ich mich zu Tode und sitz senkrecht im Bett. Jemand hat sich angeschlichen und mein Zelt einmal gruendlich durchgeschuettelt. Bis ich gerafft habe was los ist hoere ich nur noch ein mit quitschenden Reifen fluechtendes Auto. Danach weckt mich jedes Kraechzen einer Kraehe und jeder Schrei einer Moewe - besonders erholsam ist das nicht. NAch anfaenglichem Gegenwind fahre ich mit Rueckenwind bei schoenstem Sonnenschein. Zunaechst auf der E39, die mir empfohlen wurde, weil sie durch eine Schlucht mit vielen Freeclimbern und Basejumpern fuehrt. Als Europastrasse ist der Verkehr aber unertraeglich und so fluechte ich auf leider nur unwesentlich weniger befahrene Nebenstrassen. Ich wurde zugestaubt ohne Ende, da wenige Meter neben der alten Strasse die Trasse fuer eine neue aus dem Fels gesprengt und gebohrt wird. Will they ever learn?! The way to fight traffic problems is NOT to extend the road network but to reduce the amount of cars. If you build a new road there'll be traffic to fill it. For each and every new road. Guaranteed! Just take a look at England. Ich ueberfahre fast ne Katze, die sich ueberlegt hat, es sei ne coole Idee tot auf dem Seitenstreifen zu liegen. Da ist sie mit dutzenden Voegeln in guter Gesellschaft. Death to cars! Kill em all! Seriously, I've had enough. I'm just about to go postal, deal out some random justice on behalf of all the innocent victims, human or not. So next time you turn the key in the ignition, think of me, I might have wired a charge of C4 explosives to it.
BuschnicK's quality of food index for cyclists:
(energy squared) / ( cost * weight * size)
unit: (kcal * kcal) / ( NOK * kg * m * m * m)
the higher it is, the better. Bananas, noodles and chocolate score quite high. Hoehoe, ich bin schon wieder in einer Gegend, die behauptet die sauberste Luft und das sauberste Wasser Europas zu haben. Ich fahre den Trollheimsvegen durch das Trollheimen (ja, es gibt hier viele mit Kettensaegen geschnitzte Trolle) mountains nature reserve - wunderschoen. Auf der Bank vor einem Supermarkt esse ich und unterhalte mich nett mit einem norwegischen Radfahrerpaerchen, die in zwei Wochen ihren Radurlaub in Suedfrankreich beginnen. Dann fahr ich an nem Haufen Gedaerme, Knochensplitter und Fell im Strassengraben vorbei - groesser als ne Katze, aber kein Hund. Stinkt widerlich, aber wenigstens die Fliegen freut es. Anschlissend darf ich zugucken, wie der Regen eines kurzen Sommergewitters oelig glaenzende Schlieren von der Strasse zu den gelblichen Guelleschaumkronen ins "sauberste Wasser Europas" spuelt. Ich koennt kotzen. Der Quasselstrippenangler letztens meinte er kaeme seit 21 Jahren an denselben Fluss und jedesmal gaebe es weniger Fische. It's amazing what mother nature (the only god there is, as far as I'm concerned) let's us get away with. Does the world really need another martyrer wake up? Then fucking burn me alive. But think. Do more. Yes, I'm a freak by, of, for, from and in nature ;-) But enough of that.
Hab ich ein timing: nach 133km erreiche ich die Faehre auf die Sekunde genau zum Ablegen und nachdem ich kurze Zeit spaeter mein Lager aufgeschlagen und gegessen habe regnet es. Mein Kocher ist trotz mehrfacher intensiver Reinigung nur noch zum Aufwaermen von 5min Gerichten geeignet - grrr!

2004-07-02

Um 1600Uhr stirbt die Hoffnung, dass der Regen irgendwann aufhoert und ich starte nass. Den ganzen Tag regnet es ohne Unterlass bis in die Nacht hinein und das Thermometer zeigt als Hoechsttemperatur 13C - ich kann euch versichern nass bis auf die Knochen und gegen den Wind fuehlt sich das weit kaelter an. Es gibt eine Faehre und ca 10 Tunnelkilometer. Ein 6km Tunnel, den ich diesmal sogar fahren darf, bringt mich fast um. Ein Auto kommt mir darin entgegen waehrend von hinten ein Tieflader mit schwerem Kettenbagger und Warnlicht naht. Der denkt nicht daran zu bremsen und zerreibt mich fast an der Felswand - ich haette nur meinen kleinen Finger ausstrecken muessen und der waere ex gewesen. Zudem ist der Verkehr diesmal extrem und ich schiebe wirklich Effekte wegen der Abgase: die Glieder werden mir schwer, ich werde traege und die Augen fallen mir beim Fahren zu.
Ich sag doch die haben zuviel Energie: am Ende des Fjords wird eine Aluminium Fabrik aus nem Fluss versorgt. Ich glaube die Gegend ist eine der bsiher schoensten, soviel ich durch die Wolkenschleier erahnen kann. Es gibt wieder so eine Art Daemmerung nachts - schade. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich keinerlei Schlafprobleme mit der dauernden Helligkeit und fand es nur praktisch den Tag beliebig einteilen und bis 0200 lesen zu koennen. Jeder, der mehrere Tage hintereinander je mehr als 100km faehrt und danach nicht schlafen kann muss glaub ich sowieso nen Arzt aufsuchen. Obwohl ich zugeben muss, dass dieser Scherz an meinem Zelt zu ruetteln mein Sicherheitsempfinden extrem gestoert hat. Ich weiss nicht, ob man das nachvollziehen kann, aber mein Zelt ist heilig. Man glaubt gar nicht, wie sehr darin der Eindruck eines warmen, sicheren Heims entsteht. Der Ueberfall des Bauern in Litauen, die naechtliche Visite der Grenzpolizei in Rumaenien, die Schafherde, die Schweine, die Rinder, die Reiter, die Fledermaeuse und Voegel, die raschelnden Nagetiere um mich herum - alle haben meine Schutzhuelle respektiert und ich fuehlte mich sicher. Wahrscheinlich koennte draussen ein Baer herumschleichen und ich waere nicht beunruhigt. Der kleine Scherz hingegen war kein Angriff auf mich, sondern auf die Unantastbarkeit meiner Behausung und stellt die Unverweundbarkeit derselbigen in Frage. Baeh!
Beim Absammeln der Nacktschnecken vom Zelt (nach Regen immer besonders schlimm, hatte sogar welche in den Schuhen) war ich wohl mal nicht besonders gruendlich und habe beim Einpacken eine zerquetscht - mein Gott ist das eine zaehe Masse. Jeder, der schon einmal barfus in so'n Vieh getreten ist weiss was ich meine. Ich frage mich, ob schonmal jemand versucht hat das Zeug haltbar zu machen, I'd call it: "slug slime super glue". Hoch ueber dem Meer auf meiner Schlafklippe lieg ich und hab Durst und gegenueber, auf der anderen Seite des Fjords, donnert der Wasserfall in die Tiefe - so eine Gemeinheit!

2004-07-03

Nach 40km Vorfreude ist es soweit: ich passiere das Schild "10% Trollstigen". Schon die Schlucht hierhin hatte uebelste Steigung und die Felswaende rueckten bedrohlich immer naeher. Es gibt keine Leitplanken, nur Felsbrocken, die wie Grabsteine jeden Meter mahnend am Strassenrand stehen. Die beiden Hauptwasserfaelle sind gigantisch, das Wasser Gletschermaessig tuerkisblau. Kurz bevor ich die Serpentinen erreiche passieren mich mehrere Fahrzeuge mit fuerchterlich stinkenden Bremsen. Mein Fahrrad ist extraschwer, da Samstag nachmittag ist und ich Futter fuer zwei Tage an Bord habe. Da hilft nur eins: volle Droehnung endless repeat "The Prodigy": "Diesel Power" auf die Ohrmuschel und ab dafuer. Ich fahr das Ding mit zwei Fotostops und nem 8km/h Schnitt in einer Tour durch, ohne meinen Rettungsring (das groesste Ritzel) auflegen zu muessen. Meine fuenf Minuten Tour de France Ruhm habe ich immer, wenn ich Busse passiere, dessen Insassen alle klatschen und Daumen nach oben zeigen. Busfahrer haben hier Spass: in den engen Switchbacks setzen sie regelmaessig auf und haben schon tiefe Furchen in den Asphalt gegraben. Oben angekommen gibts am Aussichtspunkt (es regnet natuerlich bereits den ganzen Tag und ist wolkig) noch einmal viel Schulterklopfen und Anerkennung - I love it ;-) BTW, der Pass ist auf dem Cover von "Accelerated C++" in meiner Book reviews section zu sehen. Jetzt wo ich die Hoehen von C++ erklommen habe koenntest du vielleicht mal mit den Chefs reden und die Tour als Fortbildungsmassnahme bezahlen lassen Timm? Bitte? ;-) Die Gegend ist und bleibt ein Traum - und es leben Leute in diesem Paradies. Die ganze Abfahrt vom Pass herunter begleitet mich das Rauschen und Tosen eines Flusses. It features some mean looking class 5+ rapids - but put me in a neo and a lifejacket, give me a helmet and throw me right in! Looks like some serious fun.
Eine kurze Faehrueberfahrt bestaetigt mir, dass ich mich wieder auf Meeresniveau befinde - dann kraxel ich direkt wieder Serpentinen hoch, diesmal auf dem Weg zu Norwegens groesstem Gletscher. ... Von wegen! Erst geht es noch einmal ganz bis auf Fjord level herunter - und wie! Ein Schild 10% Gefaelle fuer die naechsten 7km verpspricht ne Menge Spass. Es wird noch schoener: von allen Seiten stuerzen Wasserfaelle die fast senkrechten, hunderte Meter hohen, Felswaende hinunter in den Fjord. Dessen Wasser zeigt das perfekte Spiegelbild eines Regenbogens im Himmel. A dream come true. Entgegenkommende Autos schleichen mit 20-30km/h vorbei und die Motoren klingen klaeglich. Ein VW Passat ist gestorben und steht mit offener Motorhaube im Weg. Ich bring mich auch fast um, als ich mit knapp 60km/h auf eine, nur durch eine 30cm hohe Betonkante gesicherte, Kehre zurausche. Die Maguras packen derbe zu, nur mein Hinterrad macht auf nasser Fahrbahn den Abgang. Wer immer die Magura Hydraulikbremsen entwickelt hat verdient den Nobelpreis! Unten angekommen verweile ich nicht lange, sondern mache mich direkt an den naechsten Pass. Dabei fahr ich an der Glasfront des Edelhotels im Ort vorbei. Die Leute beim Essen kennen mich schon vom Trollstigen und rasten voellig aus. Sie springen von den Tischen auf und stehen mit beiden Armen winkend und jolend an der Scheibe. Danke, danke! Wenn ihr wuesstet, wieviel Kraft mir sowas gibt ;-) Als ich nach etlichen Hoehenmetern ein Schild passiere, das weitere 14km Serpentinen ankuendigt, und sehe wie sich meine Strasse am Steilhang in die dicke Wolkendecke schraubt, beende ich den Tag auf einem Campingplatz. Der Besitzer arbeitet fuer die Zeitung und will morgen Fotos und ein Interview mit mir machen. Auf dem Platz hab ich auch ganz schnell Fans, als ich bei 10C und Regen nur in Boxershorts und barfus zu den Duschen stiefel - aber tja, was soll ich machen? Es regnet und meine letzten trockenen Sachen sind gold wert. Auf dem grossen Trampolin des Platzes hol ich mir dann den komplett Workout. This day beats just about everything: 6:55:19 Stunden Fahrtzeit; 111,28km; 2045 (!!!!) hm; avg 16km/h; maximale Steigung/Gefaelle 15%/15%. Yehaa!

2004-07-04

Die Fotos fuer die Zeitung (www.smp.no) sind mir schon fast peinlich, da das Wetter wunderbar ist und ich in wildem Chaos alle meine Sachen zum Trocknen um mein Zelt drapiert habe und selbst um 1200Uhr gerade am Fruehstuecken bin. Nach dem Interview sitz ich n paar Stuendchen am Rechner und fahr danach die letzten 600hm Serpentinen und passiere nen liegengebliebenen Mercedes, dessen Insassen gerade Schnee ins Kuehlwasser stopfen. Oben steh ich vor einer Entscheidung: a) eine Serie von fuer Radfahrer verbotene Tunnel zum Gletscher und nachher ein paar Faehren. b) die alte Passstrasse ueber die Tunnel zum Gletscher oder c) ein bis zweihundert Kilometer Umweg bis fast auf Meeresniveau herunter und anschliessend eine als sehenswert gekennzeichnete Passstrasse zum hoechsten Gipfel NordEuropas mit 2500muM. Eigentlich ist das nicht einmal eine echte Wahl - ich mach mich auf Richtung Gipfel. Auf 1030m Hoehe machen die Leute Schneeballschlachten und Eisschollen schwimmen im Wasser. Meine Abfahrt ist diesmal keine Serpentinenstrecke, sondern zieht sich ewig hin (gut so! profitier ich laenger). Es geht entlang der Otta durchs Fjell, ein Fluss, der zur Schneeschmelze der feuchte Traum eines jeden Whitewater Rafters sein muss. Ich hatte in meinem Leben zweimal das Vergnuegen (wenn man von improvisierten "ich spring in den Fluss und guck wann ich der Stroemung entkomme" absieht) - beide Male in Canada. Kicking Horse River und (Name vergessen). Beide Male war es schon etwas spaet im Jahr und wir mussten mutwillig ueber Bord gehen um es etwas interessanter zu gestalten ;-)

2004-07-05

Warnung: Wenn schon die Norweger einen Berg Rauberg nennen, Fahrzeuge von mehr als 6m Laenge verbieten und sogar auf einer 1:1.500.000 Touristenkarte Serpentinen angedeutet sind, geht einiges. Das muss eine der anstrengendsten Aktionen meines Lebens gewesen sein. Auf 1000m Hoehe (Start heute auf ~300) erwischt mich der erste Platzregen und verwandelt die bukelig sandige Schotterpiste in Schmierseife. Mein Tacho zeigt Steigungen zwischen 12 und 16 Prozent. Wiegetritt ist unmoeglich, sobald ich meinen Arsch aus dem Sattel hebe dreht das Hinterrad durch. In Kurven mit bis zu 21 Prozent Steigung ist Fahren schlichtweg unmoeglich und ich muss das erste Mal auf Tour bergauf schieben. Aber: am Ende des Tages habe ich von 28km nur 1 geschoben. Natuerlich habe ich wieder mehrere Kg Nahrung an Bord fuer zwei Tage. Ab 1500m Hoehe regnet es durchgehend bei 7C. Es kommen keine Autos mehr hoch, nur noch Leute mit Skiern und Snowboards auf dem Dach nach unten. Auf 1660m sind es noch 5C und es hagelt. Ab 1800m klebt Eis an meinen nackten Knien und es schneit bei 3C. Das Blut rauscht mir in den Ohren, die Lungen sind kurz vorm Explodieren und ich muss immer wieder stehenbleiben um meinen Puls unter 300 zu halten. Ich stehe 100m vor der Berghuette und kann das Gebaeude in der grauen Bruehe nicht sehen. Dort drinnen sitze ich schliesslich gemuetlich und waerme auf. Von draussen kommen klatschnasse Leute in Gamaschen und Steigeisen rein mit 60m Seilen ueber der Schulter. Mir wurde gesagt ich koenne alleine zum Gipfel gehen, gleichzeitig aber dringend davon abgeraten. Bei gutem Wetter haette ich die Warnung ignoriert, aber bei 100m Sicht schliesse ich mich vielleicht doch besser ner guided Tour an.
Grrr! gerade als ich mein Zelt aufgebaut und eingerichtet habe kommt jemand und sagt mir ich duerfe hier nicht campen und solle verschwinden. Dabei hatte ich sowohl von der Moutstelle auf 1000m Hoehe als auch von der Rezeption hier oben das OK bekommen. Scheinbar habe ich irgendeinen Mindestabstand zur Strasse nicht eingehalten, der 150m betragen muss. Gar nicht so einfach, wenn man in klaren Momenten gerade mal 100m weit sehen kann - durch die Wolke hatte ich bisher nicht einmal gewusst, dass ich bereits bis auf 200m nahe an den Gletscher herangekommen war - und der ist normalerweise wirklich nicht zu uebersehen. Naja, wie auch immer, meine Politik in einer solchen Situation besagt klaglos zusammenzupacken und nen neuen Platz zu suchen. Immerhin bin ich der Gast. Gesagt, getan - bei weiterhin 3C und Schneeregen. Beim zweiten Aufbau in dem riesigen Geroellfeld ist mein Zelt dann auch mal wieder voellig durchnaesst, meine Finger hoelzern erfroren und ich stehe viel unguenstiger als vorher: wenn heute Nacht der Wind so richtig loslegt gehts 1000m runter. Ich versuche meinen Nutella Ersatzstoff zu schmieren - aber das Zeug ist bretthart. "Bei Zimmertemperatur lagern" haha! Wie soll ich das denn machen?! Immerhin hab ich keine Probleme mit den "keep refrigerated" Sachen ;-)

2004-07-06

Gestartet wird mit 50m Sicht, matschigem Schneeregen und 1C. Die letzten knapp 700hm bis zum Gipfel sind ein lauer Spaziergang, die nur dadurch anstrengend und gefaehrlich werden, dass ich mich der guided Tour angeschlossen habe. Nie wieder! So wie es ist bin ich ins Seil eingebunden zwischen plaerrenden Kindern und einer Gruppe altersschwacher Japaner, von denen einer sogar nen Gipsfuss hat. Aetzendes stop and go ist die Folge (mehr stop als go). Der Gletscher mag zwar den Namen "gemeiner Gletscher" tragen, und neben dem Preisschild fuer die Guides ein drohender Zeitungsausschnitt von einem in einer Spalte verunglueckten Tourist haengen, aber den ausgetretenen Highway durch den Schnee haette ich auch allein gefunden, danke. Naja, wenigstens lerne ich so drei nette Frankfurter kennen und als es endlich ohne Seil wieder auf die Felsen geht lassen Pascal und ich froehlich palavernd die halbe Meute Omis und Kinder zurueck. Vielleicht sollten die Gruppen an einem Seil doch etwas homogener zusammengestellt werden. Pascal ist uebrigens in Jogginghose und Turnschuhen unterwegs waehrend alle anderen die volle Outdorr Kampfausruestung tragen. Der Gipfel (2469m) ist unspektakulaer, aber wenigstens klart es auf dem Weg nach unten auf und die Aussicht wird gut. Die Killerstrasse gestern darf ich heute bergab fahren - und Hoelle! ist das ein Ritt. Sobald ich die Bremsen loslasse bin ich ueber 70km/h schnell und beschleunige immer noch. Mir fliegen die Traenen aus den Augen bis ich kaum mehr sehen kann und auf dem Wellblech vor den ungesicherten Serpentinen ist Bremsen jedesmal ein Abenteuer. Noch schneller waere moeglich gewesen - aber ein kleines bisschen haenge ich dann doch noch an meinem Leben. Auch so sind es auf 380m Hoehe am Fuss der Strasse diesmal meine Bremsen, die stinken. Kaum unten fahre ich schon wieder eine Steigung - diesmal zur hoechsten Passstrasse in Nordeuropa, die zum tiefsten und laengsten Fjord Europas fuehrt (die moegen hier die Superlative auf ihren Hinweistafeln). Der Wind, der eben noch die Wolken vertrieben hat, ist jetzt gegen mich. Das ist mir diesmal aber nur recht, da ich eh sehr bald auf einem wunderschoenen Rastplatz mein Lager aufschlage, und er mir hilft, meine klatschnasse Ausruestung zu trocknen. Ich sitze und esse als neben mir noch zwei ihr Lager aufschlagen. Polnische Brueder, der eine lebt in Norwegen, der andere ist mit Fahrrad und Kamera(s - er hat ein ganzes Sortiment dabei und macht Bilder fuer Diavortraege) zu Besuch. Nettes Palaver und viele Fotos: rower.orbit.pl
Danach kommt noch ein junges niederlaendisches Paerchen hinzu, sie cruisen mit dem Auto durch Norwegen auf der Suche nach irgendeinem Bueffel artigen Tier, das wohl nur an zwei Stellen in ganz Europa zu finden ist. Ich will gerade Schlafen gehen, da bekomme ich von den Bruedern noch einen polnischen Honig Likoer geschenkt - gegen die kalte Nacht. Dankeschoen! ;-)
Und shit! Ich hab schon wieder vergessen Fotos von ihnen zu machen. Passiert mir immer. Ich bin immer so in irgendwelche Gespraeche vertieft, dass ich voellig vergesse Bilder zu machen - selbst wenn ich gerade geknipst werde. So zeigen meine Urlaubsfotos denn nur Berge und Landschaft. Naja, egal nehme ich an - vergessen werde ich all die Menschen eh nie, die mich auf dieser Reise mit ihrer Freundlichkeit so reich beschenkt haben.

2004-07-07

Geweckt werde ich weil jemand neben meinem Zelt Eichhoernchen fuettert. Ich warte noch ein paar Schauer ab und mach mich dann auf den Weg zur Passhoehe. Es geht gegen eiskalt schneidenden Wind, so dass ich mich freue, endlich die Serpentinen zu erreichen und den Wind nicht immer direkt von vorne abzubekommen. Die Landschaft ist fantastisch, wild, felsig, mit kleinen Schmelzwasserseen und Schneeflecken eingestreut. Auf der Passhoehe von 1434 Metern schneit es, wie sich das fuer einen richtigen Pass gehoert. 5 Minuten spaeter hoert es wieder auf, wie sich das fuer gutes Wetter gehoert ;-) Ich treffe nen niederlaendischen Biker auf dem Weg zum Nordkapp. Er ist durch Wales, Irland und Schottland gefahren hierher und kann mir einiges ueber meine zukuenftige Route erzaehlen. Dann unterhalte ich mich mit ner ganzen Gang Motorradfahrer aus Deutschland, die irgendwelche alten Schaetzchen fahren mit Sargartigen Holzkisten als Beiwagen. An der Berghuette treffe ich zwei nette, auf den Bus wartende Maedels aus Oslo, die zum Hiken hier sind. Ein daenisches Paerchen leiht mir ihr Fernglas und ich beobachte ne Truppe Leute beim Eisklettern am Gletscher - das waer nochmal n Hobby fuer mich! Kurz vor der Abfahrt geniesse ich die Aussicht in ein Traum von Tal... that does it! That is the final straw. Im never gonna be happy again without mountains. Goodbye Muenster. Die Abfahrt laesst sich vielversprechend an, mit nem Schild 8% Gefaelle fuer 10km und zwei bergauf verreckten Autos. Aber das ist erst die Aufwaermrunde, anschliessend kuendigt ein Schild 10% fuer ein paar km an und danach noch einmal 8% ueber 3km zum gemuetlichen Ausrollen. Was ein Spass!!! Wenn du in deinem groessten Gang widerstandslos ins Leere trittst, dir 40km/h wie Stillstand vorkommen, der Wind selbst durch 3 Schichten Trikot plus GoreTex Jacke noch durchpfeift und du dir bei mehr als 80km/h ueberlegst, ob die Bodenwelee voraus dich umbringen wird, ist das Leben in Ordnung. Yehaa! Ich hab das Glueck noch eben schnell einkaufen zu koennen, waehrend schon die Ladentueren verschlossen werden. In Tourist Info erfahre ich, dass meine Faehre heute eh nicht mehr faehrt, also kann ich die letzten km gemuetlich angehen lassen und die Aussicht auf den smaragdgruenen See geniessen... Der "See" ist bereits der Fjord, aber die Farbe stimmt trotzdem ;-) Ich fahre die Suedseite, eine Strecke, die teilweise so schmal ist, dass die Autos nicht einmal an mir vorbeikommen. Es gibt 2 unbeleuchtete Tunnelkilometer und ein Schild, dass die "long history of a short road" erzaehlt: die Strasse ist 30km lang und befand sich in Abschnitten von 1916 bis 1994 im Bau. Auf der anderen Seite des Fjords regnet es und ich kann ein fantastisches Lichtspiel durch die Wolken und auf dem Wasser beobachten. Mein Tacho faellt mir hin und verliert alle seine Einstellungen. Bis auf die Gesamthoehenmeter und Fahrtzeit kann ich das meiste aus dem Kopf rekonstruieren. Das Bike hat in seiner Laufbahn (Rollbahn? Fahrbahn?) mittlerweile ~16000km und ~65000hm erlebt. Auf dieser Tour bin ich jetzt ziemlich genau 10.000km gefahren - das wird erstmal mit diesem polnischen Honigschnapps zelebriert. Da ich wegen der Faehre meine Tagesetappe so frueh beenden musste bin ich noch nicht ganz ausgelastet und laufe noch nen Berg hoch. Vorbei an Norwegens aeltester (Holz-)Kirche, deren Urspruenge vor die Christianisierung Norwegens, ins 9. Jahrhundert, zurueckreichen. Bis auf das Rauschen des Windes ist es absolut still. Ein alter Bauer schichtet weit unter mir mit der Forke Heu auf. Die dunklen Wolken sind von der Sonne golden gerahmt. Es gibt einen einzigen, kleinen blauen Fleck Himmel, in den sich die maechtige Krone eines freistehenden Baumes erhebt - auf der anderen Seite des Fjordes, hunderte Meter ueber dem Wasser auf der Klippe. Wenn das kein Bild fuer die Goetter ist weiss ich es auch nicht. Wie um die Idylle perfekt zu machen steh ich auf dem Weg runter einem Reh gegenueber. Das hat scheinbar vergessen, dass es ein Fluchttier ist und ich ein carnivore, und so zueck ich in aller Ruhe meine Kamera, mach ein Foto ohne Blitz, ein Foto mit Blitz, checke die Resultate auf dem Display, und erst dann, in aller Ruhe, trottet es davon.

2004-07-08

Schade, dass niemand auf meine Wette eingegangen ist, sonst koennte ich jetzt anfangen, Geld zu verdienen. Bevor ich losfuhr habe ich jedem offeriert, mit 100Euro Schulden bei ihm zu starten. Jeden geradelten Kilometer zahlt er mir jedoch 1 Cent. Nach 10000km bin ich schuldenfrei und fang an zu verdienen. Aber irgendwie haben alle, mit denen ich laenger darueber gesprochen habe, mir zugetraut so weit zu kommen und Angst um ihr Geld bekommen. (Oder sie wollten mich armen Irren nicht ausnutzen und ausnehmen - aber ich ziehe es vor an Variante a) zu glauben ;-) ). Von meinem Panorama Camp (die ganze Nacht sind Moewen auf meinem Zelt gelandet) hoch ueber dem Fjord aus kann ich beobachten wie das kleine weisse Spielzeugschiff von Faehre bedenklich schnell groesser wird und sich meinem Anleger naehert - also in Rekordzeit abbauen und direkt runter aufs Schiff rollen. Auf der anderen Seite 250hm Serpentinen erledigen und runterrollen bis zum naechsten grossen Ort (Sogndal). Dort finde ich nen digitalen Fotoshop, was mir perfekt in den Kram passt, weil meien Chips alle bis zur Oberkante voll sind. Leider verzweifel ich an der Inkompetenz der beiden Mitarbeiterinnen. Um herauszufinden wieviele CDs benoetigt werden fragen sie mich nach der Anzahl Fotos und nicht MB - meine Alarmsirenen gehen an. Als ich auf meinen Hinweis, dass die Chips nicht nur Fotos, sondern auch Videos enthalten, ein Starren blanken Entsetzens ernte rauf ich mir fast die Haare. Dann wird mir ein unmoeglich hoher Preis pro CD genannt und eine Bearbeitungszeit von mindestens 8 Stunden, da von jedem Bild einzeln die Farben angepasst werden muessten. Hilfe! Das letzte, was ich will, ist das diese beiden Stuemper die Farben meiner Bilder versauen, das mach ich lieber selbst, danke. Ich fluechte. Mega aerferlich, haetten sie mich einfach an ihren Rechner gelassen haette das was ich wollte, naemlich eine simple 1:1 Kopie von Chip auf CD hoechstens ne halbe Stunde gedauert. Hat bisher jeder Fotoshop auch problemlos gemacht. grrr! Der Fjord ist 205km lang, bis zu 1400m tief (was vom Grund des Fjordes bis zum Gipfel der Berge einen Hoehenunterschied von 3500m bedeutet), hat viele lange Seitenarme und war Schauplatz fuer die beruehmteste Seeschlacht Norwegens im Jahre 1184. King Sverre mit 14 Schiffen gegen King Magnus mit 26. Sverre hat gesiegt, 2160 Leichen, aber fortan waren die Machtverhaeltnisse in Norwegen erstmal geklaert. Um auch mal was positives zum Wetter zu sagen: strahlend blauer Himmel bei 25C und leichte Brise von vorn, damit ich nicht ueberhitze - perfekt. Hab ich mittlerweile ein Timing fuer Faehren: ich komm nach Hella, roll aufs Schiff und wir legen ab. Dem Fjord zu folgen waer ja bestimmt auch ganz reizvoll gewesen, aber ich steh lieber selbst im Schnee statt die weissen Gipfel nur von unten zu sehen. Also bin ich knapp zwei Stunden spaeter fast 1000m hoeher auf dem Weg ueber das Vikafjellet. Der Rastplatz ist belagert von einer Brigarde Terrorschafe, die so aufdringlich sind, dass die Leute (Einheimische, Touris halten Kameras drauf und fuettern) ihnen auf den Kopf hauen, damit sie verschwinden. Es liegt nur enttaeuschend wenig Schnee, dafuer gibts wieder son Lappenzeltlager, die hier Rentierfelle und traditionellen Schnickschnack verkaufen. Den Weg hoch war ich so langsam, dass mich Schwaerme von Fliegen umsurrt haben, bergab muss ich aufpassen, dass ich sie bei meinem Tempo nicht verschlucke - also nicht mehr mit offenem Mund die Wasserfaelle angaffen. Das einzige, was die Abfahrtsfreuden truebt, sind cattle guards (weiss gar nicht, wie die auf Deutsch heissen, Gruben quer ueber die Strasse, die mit einem Gitter aus runden Stangen abgedeckt sind. Autos koennen rueber, Huftiere, wie Schafe und Rinder, nicht). Ich hab die Wahl zwischen der Hauptverkehrsstrasse mit vielen, viel zu langen, Tunneln und 100km bis Bergen oder der scenic Touristenstrasse mit wesentlich mehr Hoehenmetern und 155km. Normalerweise nicht einmal ne echte Entscheidung, aber diesmal zoeger ich dennoch ne Sekunde, da ich uebermorgen meine Faehre in Bergen erwischen moechte. Ich mach mich auf den langen Weg und wieder eine Steigung hoch - die Abfahrt hat die krassesten Serpentinen ueberhaupt: die Strasse scheint sich auf sich selbst zurueckzuwinden, als haette jemand Spaghetti den Berg heruntergekippt. Lager schlag ich an einer riesig imposanten Felswand am See auf. Gutes Wetter wird bis zum letzten ausgenutzt, Bilanz: 8:12 Stunden Sattelzeit; 144km; 1694 Hoehenmeter. Gute Nacht! ;-)

2004-07-09

Gestern bin ich noch um ein Haar gegeekt worden weil ein MPV nicht IRQ faehig war (decode that! ;-) ), heute habe ich den ersten Roadkill meines Lebens zu verantworten - ausgerechnet mit dem Fahrrad! Gestern bin ich mit mehr als 30 Sachen einer abknickenden Vorfahrt gefolgt, als mir ein Auto eben diese genommen hat. Heute sass ein kleiner brauner Vogel mitten auf dem schmalen Radweg. Die seh ich haeufig und normalerweise bleiben sie still sitzen. Dieser springt auf mich zu. Mit dem Vorderrad kann ich ihm noch ausweichen, aber ich muss in Zeitlupe hoeren, sehen und spueren wie ich mit meinem Hinterrad die Knochen in dem kleinen Koerper zerbreche. Ich stehe daneben und schaue dem Tier in seinem Todeskampf zu. Es waere ein leichtes gewesen das zu beenden indem ich ihn die Klippe runterwerfe oder sonstwas. Aber meiner festen Ueberzeugung nach ist der (Ueber-)Lebenswille eines jeden Lebewesens sein staerkster Trieb. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt. Ich will nicht derjenige sein dies zu nehmen. Den Vogel zu toeten haette nur dazu gedient mein eigenes Gewissen zu beruhigen "dann leidet er nicht so". Man muss nur Erfahrungsberichte wie den des verunglueckten Bergsteigers Joe Simmons ("In eisigen Hoehen" hiess es glaub ich) lesen, um zu wissen, dass Lebewesen schier unmoegliche Qualen erdulden koennen/muessen/wollen - selbst in ausweglosen Situationen. Aber oerg! Das war bitter.
Aaaargh! meine Foto Frustration geht weiter. Ein Laden, an dem gross www.digitalfoto.no prangt. Eine Fotostation. Gut, denk ich, kann ich diesmal selbst brennen. Choose your language. Access violation. Choose your language. Blue screen. Videos kann es nicht brennen. Es ist nicht davon zu ueberzeugen, dass ich nicht 3000NOK fuer 800Abzuege zahlen will. Burn. Blue screen. Also eine der drei Damen bitten mir Kopien am Rechner zu machen. Videos koennen auch sie nicht. 3 Stunden vergehen und am Ende hab ich 2 700MB CDs mit je einem 256MB Chip drauf (hoffentlich). Was eine Verschwendung! 1 Chip ist unbearbeitet. Wieso duerfen derart inkompetente Stuemper und Totalversager ihren Job behalten?! Ich habe eine solche Wut im Bauch, dass ich mich auf den folgenden Serpentinen erstmal total verausgabe. Es geht bergauf durch eine Serie von Tunneln, in denen ich regelmaessig angehupt werde, weil die Autofahrer meinen, ich solle doch den Radweg aussen herum nutzen. Was die freundlichen Herren dabei getrost ignorieren ist, dass dieser durch diverse Erdrutsche in die Schlucht befoerdert und gesperrt wurde. 70km vor Bergen kann ich den Kollateralschaden der Stadt in Form einer nicht abreissenden, laermenden und stinkenden Blechlawine zu spueren. Nach dem ersten dutzend Tunnel hoere ich auf mitzuzaehlen. Es gibt den Versuch von Radwegen: schweizer Kaese Betondecke, voellig sinnnlose 18% Steigungen (neben der eben verlaufenden Strasse) und ein Umweg von 25km (nicht schlecht auf 70km Gesamtstrecke!). Es regnet. Schon beeindruckend, wie man selbst einen Traum von Land und Landschaft wie Norwegen voellig zugrunde richten kann indem man lediglich genuegend Autos in die Gegend kotzt. Tote Viecher gibt es alle paar km zu bestaunen. Irgendwann ist der Mensch Soeren nicht mehr existent und an seine Stelle ist ein weissgluehendes Knaeul Hass getreten. Heute wuerde ich mit Freuden Gullideckel von Autobahnbruecken werfen. Der Cmapingplatz kostet Unsummen, da man fuer jeden Furz Wertmarken braucht. Meine "Scandinavian Camping Card" wurde bisher auch nur auf dem Platz akzeptiert, auf dem ich sie kaufte. 6 Euro gekostet, 1 Euro "gespart". Mein Kocher funktioniert nicht, also zahl ich fuer ne Herdplatte. Immerhin lerne ich ein nettes deutsches Motorradfahrerpaerchen kennen, mit denen ich mich ein paar Stunden unterhalte. Test der Frustrationstoleranz bis ans Limit. Und ich hab noch nicht einmal vom Waeschewaschen, dem plaerrenden Radio neben meinem Zelt, dem ueberfuellten Platz und no-see-ems angefangen...

2004-07-10

Sobald man erstmal weg von den Haupteinfallsstrassen ist, ist Bergen ganz nett. Eine Stadt von mehr als 200.000 eingeklemmt in die steilen Fjorde. Ich schlender ne Weile durch die Strassen und ueber den weltberuehmten alten Fischmarkt. Das Flair ist sehr international, die Preise sind in Norwegischen Kronen, Euro und US Dollar ausgeschrieben. Man hoert mehr englische Akzente und und Gestotter als Norwegisch. Was mich aber so richtig interessiert ist nicht die Stadt sondern die Segelschiffe im Hafen. Die groesste Dreimastbark der Welt liegt vor Anker, viele kleine Segelschiffe und ein morderner, grosser Zweimaster. Vor diesem verbringe ich meine Wartezeit auf die Faehre und schaue barfuessigen Seeleuten zu, wie sie das Schiff auf Hochglanz polieren und reparieren. Einmal mit so einem Ding in See stechen... Ein Motorradfahrer spricht mich an. Er hat den Artikel in der Zeitung ueber mich gelesen. Wohl fast ne Seite mit Foto. Hatte ich total vergessen - mir haette ja auch ruhig mal einfallen koennen selbst ne Zeitung zu kaufen wenn ich schonmal drin bin. Naja. Die Ueberfahrt dauert mehr als 23 Stunden, da es zunaechst noch suedwaerts an Norwegens Kueste entlang geht weitere Passagiere einsammeln. Ich war geizig, habe keine Kabine - und dafuer den besten Platz auf dem ganzen Schiff! Es gibt ~200 Liegesitze, 15m ueber dem Wasser auf dem obersten (dem siebten) Deck, mit grossen Aussichtsfenstern nach vorne unmittelbar unter der Bruecke. Den Raum teile ich mir mit gerade mal 5 weiteren Personen, und so dauert es nicht lange, bis jeder von uns sich nen Haufen Decken von den Stuehlen gesammelt und ein gemuetliches Nest gebaut hat. Im Bordkino seh ich mir "The day after tomorrow" an. Voellig banales 08/15 Hollywood Machwerk, bis ins Detail vorhersagbar wie ein Uhrwerk. Bin nur reingegangen, weil ich ein Fan von Endzeitszenarien bin und es an Bord sonst nicht viel zu tun gibt. Wenigstens meckert Emmerich die Umweltprobleme an und ist damit wesentlich lauter als ich - vielleicht hilfts ja. Der Film wurde mit nem Beamer gezeigt und der Scrolltext, der die oeffentliche Vorfuehrung untersagt, schnell ueberspult - LOL. Obwohl der Kahn, die MS Jupiter, diesmal mehr als 20.000 Bruttoregistertonnen auf die Waage bringt, ist der Seegang deutlich spuerbar und manches mal sieht man unsicher taumelnde Leute.

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