Poland

2004-05-10

Gar nicht so leicht hier an Kohle zu kommen, wie ich dachte - erst duie vierte Bank im vierten besuchten Ort hat ne ATM. NAch 68km ohne vernuenftige Nahrung ausser eines Snickers irre ich ein wenig in der Stadt (Rszeszow) herum und checke schlussendlich im Hotel Polona ein, das das guenstigste am Ort sein soll. Das Duschwasser verfaerbt sich richtig, als ich drunterstehe ;-) Danach ist lustiges Pictionary spielen angesagt, als ich versuche dem Personal klarzumachen, dass das Hotel meine Waesche waschen soll. Klappt schlussendlich, oder zumindest theoretisch, die Waschmaschine funktioniert naemlich nicht. Jetzt sitze ich im Internet Cafe, warte darauf, dass endlich ein Rechner frei wird und hoffe, dass die Waesche gerade doch durchlaeuft.

2004-05-11

Kaum ein Auge zugetan heute Nacht. Echt verrueckt, da verbringt man den Grossteil seines Lebens in geschlossenen Raeumen und ploetzlich kann ich darin gar nicht mehr vernuenftig schlafen. Hab letztens mal ueberlegt - in meinem ganzen Leben habe ich bisher mehr als ein 3/4 Jahr in Zelten oder im Freien gepennt. Immerhin.
Die ans Hotel angeschlossene Bar, in der ich mein Fruehstueck bekomme, ist scheinbar gleichzeitig die Bahnhofsmission. Zumindest torkeln da morgens um 0900Uhr ziemlich zerlumpte Gestalten drin rum und bekommen Eintopf ausgegeben. Mein Tischnachbar ist kurz davor vom Stuhl zu fallen. Irgendwann kippt er vorneueber und schnarcht weg. Kann ihn gut verstehen - aehnlich fuehl ich mich auch. Meine Waesche ist sauber, aber noch feucht. Das Hotel will fuer die nicht unerheblichen Muehen der Aktion nicht einmal das angebotene Trinkgeld annehmen - danke! Ich geh nochmal ins Internet Cafe nebenan, bezahl fuer ne Stunde und bleibe drei. Die freundlichen Betreiber laden mich ein drinnen zu bleiben, da es draussen mal wieder in Stroemen regnet. Ich fahr n paar km, mach kurz halt um Klamotten zu wechseln und werd direkt zu Plaetzchen und Tee hereingebeten. Die 12 und 16 jaehriegen Toechter der Gastgeberein koennen ein wenig Englisch und so entsteht eine kleine Unterhaltung. Ich versuche ein bisschen Polnisch zu lernen, bekomme aber nicht einmal das Minimum "Hallo, Tschuess, bitte, danke" geregelt. Hoelle ist das ein Zungenbrecherkaudawelsch! Das wird wohl nur noch durch die ungarischen Bandwurmwoerter getoppt. Ein lustiges Missverstaendnis entsteht, als ich frage: "May I take your picture?" Dummerweise habe ich zu dem Zeitpunkt die Kamera noch nicht in der Hand, so dass die beiden Toechter losrennen um das Familienfotoalbum zu pluendern und mir Bilder zu schenken. Nein, so war das "take" nicht gemeint! Da es Nachmittags schon wieder gewittert, und ich eh todmuede bin, camp ich schon nach 40km. Schoener Platz. Aber... SIE kommen! Die Mueckensaison hat endgueltig begonnen wie es scheint. Bin ich eigentlich ein Hypocrit, wenn ich als ueberzeugter Zivi und "keinem-Lebewesen-was-zu-leide-Tuer" bedenkenlos scharenweise dieser Viecher plattmache und der ganzen Rasse den Tod wuensche?
Ich werde oft gefragt ob ich Probleme mit, oder Angst vor Diebstaehlen habe. Die Antwort ist jain. Ich habe viele Geschichten anderer Radreisender und Warnungen der Einheimischen selbst bekommen. Dennoch bin ich nur vorsichtig, nicht paranoid und zunaechst einmal ist in meinen Augen jeder unschuldig/harmlos und nicht andersherum. Meine Lenkertasche mit den Wertsachen (Kamera, Pass, Geld, Tacho,...) lasse ich nie aus den Augen und habe sie immer bei mir. Das Fahrrad hingegen steht mit dem restlichen Gepaeck je nach Situation auch unbeaufsichtigt und nicht abgeschlossen herum. Ein gewisses Mass an Vertrauen muss man als Alleinreisender den Menschen einfach entgegenbringen. Zudem _will_ ich das auch. Ich komm mir bloed vor, wenn ich vor aller Augen in einem kleinen Oertchen mein Bike abschliesse und den Anwesenden damit boese Absichten unterstelle. Eher im Gegenteil haben sich oft von selbst "Aufpasser" gefunden. Also Leute, die von sich aus in meiner Abwesenheit das Bike bewacht haben. Selbst hinter besagter Obdachlosenkueche, wo das Bike die Nacht ueber stand (abgeschlossen) hab ich mir keine Sorgen gemaqcht. Morgens stand ne Gruppe Heimatloser daneben, haben gegessen, getrunken und sich gegenseitig frisiert. Die Welt ist gar nicht so boese wie einen alle glauben machen wollen. Ich unterscheide in meinem Verhalten auch nicht, in welchem Land ich mich gerade aufhalte. Gestohlen wurde mir bisher nichts.

2004-05-12

Anstrengender, aber voellig oeder Tag. Erst in der zweiten Tageshaelfte habe ich einen Schatten, vorher ist alles grau-in-grau. Die gane Zeit heult mit der Wind nervtoetend in den Ohren und macht das Fahren anstrengender, als es sein sollte. Durch den Wald sammel ich beim Pedallieren dutzende von Raupen ein, die von den Baeumen baumeln. Ein Junge mit brutal deformierten Skelett faehrt auf nem Dreirad am Strassenrand. Camp im Wald. Thats it. Over and out.

2004-05-13

Morgens waren die Holzfaeller da, und so startet der Tag damit, das Bike ueber frisch gefaellte Staemme zu wuchten. Ich bin weiterhin der Mann, der schneller faehrt als sein Schatten - ich habe naemlich keinen. Der Wind gibt mir deutlich zu verstehen, was er von meiner Fahrtrichtung Norden haelt und versucht mich umzudrehen. Ich schaffe dennoch 120km, was zum grossen Teil daran liegt, dass ich durch die "gruene Lunge Polens" fahre und die Strassen ueber lange Strecken beidseitig von Wald gesaeumt, und damit windgeschuetzt, sind. Gerade als der Regen einsetzt sizte ich bereits gemuetlich im Zelt und koche. Ansonsten wenig Interessantes. Ich hab nen Fuchs gesehen - verteilt auf ca 5m^2 Strasse. Ich hab die freigelegte Wirbelsaeule eines Hundes gesehen, wie Voegel die Ueberreste einer Katze zerhacken und dutzende von platten Igelnadelkissen. Mittlerweile habe ich genug roadkills fotografiert und es kotzt mich nur noch an. I think I've got enough to prove my point. Das die km heute anstrengender waren als sonst merke ich an der Menge Nahrung, die ich verdruecke. Hell, if I'd devoured that much food with my old lifestyle I'd weigh 500kg and be a Sumo Wrestler by now. Und dabei hiess ich doch zu Hause schon Fressbacke ;-)

2004-05-14

Ein 15jaehriger ueberholt mich auf seinem Bike und macht eine triumphierende Gewinnergeste in meine Richtung - DAS haette er nicht tun duerfen! Ich habe mir noch kein Maenner oder Memmen Spielchen entgehen lassen und diese Herausforderung nehme ich auch gerne an. Das Rennen endet bereits nach knappen 5km mit dem Herausforderer hechelnd und mit hochrotem Kopf am Strassenrand. Da kann ich mir ein hoehnisches Grinsen doch nicht verkneifen und nehme gut gelaunt die zweiten 50km des Tages in Angriff ;-) Ich befinde mich mittlerweile auf Nebenstrassen und je naeher ich den Masuren komme, desto schoener wird auch die Landschaft. Ansonsten ist Polen als Reiseland ercht langweilig, da die Unterschiede zur Heimat dann doch relativ gering sind. Die Strassen sind gut, die AUtos auch, es gibt Geschaefte und Fachgeschaefte genuegend und der Baustil ist soo anders auch nicht. Die Leute sind nett (Waaahnsinn! Ich bin 1 einziges mal angehupt worden in der ganzen Zeit hier!), es wird immer mit gebuehrendem Abstand ueberholt und sogar LKW bremsen klaglos fuer mich. Nicht einmal die Gulli Deckel fehlen ;-) Wobei ich das in den anderen Laendern auch nicht verstanden habe - wer und vor allem wofuer klaut die Dinger?! So open manholes sind die absolute Todesfalle fuer Radfahrer.

2004-05-15

Als ich mich Schlafen lege ist es eine wunderbar sternenklare und windstille Nacht. Um 0400Uhr morgens werde ich dann vom Sturm geweckt, der Zweige auf mein Zelt prasseln laesst. Beim Radeln spaeter haut mir ein herabgewehter Ast das Ohr blutig. Ich denk noch, das kann ja heiter werden. Aber zunaechst laedt mich ein 70jaehriger auf einen Kaffee in sein Gartenhaeuschen ein. Wenn man diese Murkssprache nur verstehen koennte! Aber auch so erfahre ich von ihm, dass die Russen keinen Sinn fuer Architektur, die falsche Religion und sowieso von tuten und blasen keine Ahnung haben. Europa und Deutschland aber seien toll (Umarmung Richtung Westen und wegwerfende Handbewegeung Richtung Osten). Ausserdem solle ich doch statt meines Kopftuches (buff) lieber ne baseball Kappe tragen, Kopftuecher seien fuer Frauen! Die Einladung zum Essen und zur Uebernachtung schlage ich aus und fahre weiter. Der einsetzende Regen ist von der Art, der mich erst nach einer Stunde durchnaesst - dafuer haelt er vorsoglich 5. Nach 2 Monaten Tour kann ich die trockenen Tage an einer "Maenner vom Saegewerk" Hand abzaehlen und heute macht es mich echt aggressiv. Wer immer "I'm only happy when it rains" und "Always take the wheather with you" geschrieben hat moege bitte bei mir vorstellig werden und ich zerbroesel ihm alle Knochen einzeln. Aber erst nachdem er vor den Augen seiner Kinder die eigenen Eingeweide gefressen hat - im Regen!!! Naja, wie auch immer, momentan sitz ich erstmal im Internet Cafe und versuche wieder warm zu werden.
Ok, sorry fuer den rant eben, aber das musste mal sein. Die Pause im Internet Cafe tat gut und danach klappt auch alles wie am Schnuerchen. Ich finde noch einen geoeffneten Laden, Wasser und einen wunderbaren Zeltplatz auf weichem Moos unter Baeumen. Aha spielt im Radio "I'm cryin in the rain" und ich bin in trockenen Klamotten und troestendem Kerzenlicht mit der Welt wieder im Reinen.

2004-05-16

Ein netter Herr bemitleidet mich (auf Deutsch!) wegen des schlechten Wetters - dabei freue ich mich darueber heute nur ein einziges mal nass geworden zu sein - so ist halt alles relativ. Die Landschaft ist wunderschoen, die Strassen gesaeumt von dichtem Wald, nur unterbrochen durch die haeufiger werdenden Seen. Spaeter wird es sanft huegelig mit Weideland. Ich schau den Bauern zu, wie sie mit Schemel und Kanne zu ihren Kuehen marschieren. Waehrend einer Rast lieg ich an einem See auf dem Ruecken und lass mich vom Himmel hypnotisieren. Tausende kleine Schaefchenwolken umschwirren wie Abfangjaeger grosse, graue Mutterschiffe, die bereits mit der Invasion der Erde begonnen haben. Independence day gratis in unschlagbarem Imax3D Kino. Gluecklicherweise kreuzt meine Route heute im Zickzack hin und her - Richtung Norden ist jeder Kilometer ein Kampf gegen die unsichtbare Dampframme. Entsprechend bin ich am Ende des Tages das erste mal auf der gesamten Tour (Krankheitstage ausgenommen) so fertig, dass gar nichts mehr geht. Muss aber auch nicht, denn ich habe einen perfekten Zeltplatz am See gefunden und kann zu Mark Knopfler im Radio den Sonnenuntergang geniessen.

recent digests (English):
recent digests (German):
listening to: