Scotland

2004-07-13

Als wenn ich noch mehr Beweise gebraucht haette wird auch England schoen sobald man nur weit genug von den Staedten weg ist. So fahre ich ueber einspurige Feldwege zwischen hohen Hecken und Maeuerchen durch die Aecker; ueber sandige Schotterpisten durch Duenen und schlammig Kuhpfade auf der Steilkueste ueber dem Meer. Vorbei an alten Burgen und Haeusern. Die Landbevoelkerung scheint im Durchschnittsalter weit jenseits der 60 zu liegen und zu den Gebaeuden zu passen. Per Haengebruecke gehts ueber den Fluss Tweed und damit nach Schottland. Dort fahre ich einen Umweg in die Sackgasse zum St Abbs Head Nationalpark, einer sehenswerten Klippe in die Nordsee. Allerdings bin ich durch Norwegen etwas verwoehnt was Klippen angeht und die gerade einmal 90m beeindrucken mich nicht sonderlich ;-) Mir gehts immer noch total beschissen, ich schleiche die Kilometer muehsam ab, und so lasse ich mich abends auf nem Campingplatz nieder um der Wasser und Zeltplatzsuche zu entgehen. Beides nicht so einfach, da jeder Quadratzentimeter Land kultiviert ist und Oberflaechenwasser komplett verseucht. Ich muss wohl ziemlich fertig ausgesehen haben, denn die erste Frage auf dem Platz ist ob alles in Ordnung sei mit mir. Ich will frueh schlafen, bin aber umzingelt von 3 Zelten: aus dem einen schallen ein Radio und klichernde Goeren, aus dem anderen ein Generator und heulendes Baby und aus dem dritten der lautstarke Streit eines Paerchens und anschliessend ihr Versoehnungssex. Und mittendurch rennen klaeffende Koeter. Na dann, gute Nacht!

2004-07-14

Hervorragendes Wetter, strahlende Sonne und Sommerstuermchen zum Abkuehlen. Ich bleibe aber im Zelt um auszukurieren was immer ich habe. Grrrmpf! Eigentlich sollte ich es langsam gelernt haben: bevor ich mich irgendwo kratze kontrollieren obs nicht ne Zecke ist! Auf Tour hab ich mir bereits drei von den Viechern kaputtgekratzt und danach sind sie immer so muehsam zu entfernen... Wow! Hab nicht gewusst wie moderne Hauszelte aussehen. Riesige Teile, 3 Zimmer + Flur, aufrecht begehbar. Stehen ein paar von auf dem Platz hier. Nachteil ist, dass man ne entsprechend grosse, ebene Flaeche braucht - wildcampen ist damit nicht drin. Aber Comfort ist 1a. Nach meiner ersten Portion Fish and Chips bin ich nun offiziell auf der Insel angekommen.

2004-07-15

Mir gehts immer noch schlecht, aber ich will die Staedte hinter mich bringen, also los. Denkste. Mein Hinterrad ist wieder platt. Beim Flicken im Regen letztens war ich wohl etwas hastig und hab die Scherbe nicht vollstaendig herausgezogen sondern zerbroeselt. Die Reste sind fuer den erneuten Plattfuss verantwortlich. Geflickt. Los kann ich dennoch nicht, weil wieder eine meiner Packtaschen ausgerissen ist. Wer immer bei Ortlieb auf die Idee gekommen ist Holzgewindeschrauben in Plastikmuttern zu drehen hat ein paar kraeftige Backpfeifen verdient. An meinen Taschen ersetze ich die jetzt nach und nach mit vernuenftigen Schrauben/Muttern. In drei Fahrradlaeden und drei Autowerkstaetten frage ich an, ob sie mir meine Schrauben fuer den Staender ausbohren koennen. Es gibt zwei Antworten: "Nein" und "dauert mindestens einen Tag". Grrrmpf. Das entwickelt sich zu einem groesseren Problem als erwartet. Die Haeuser tragen alle Namen, wie lustig. Wie wuerde meins wohl heissen? Maniac Manor? Cyclists Shed? BuschnicKs Bunker? Ich radel wieder durch allerlei Scherbenhaufen und trage mein Rad diverse Treppen hoch und runter. Ein aelteres niederlaendisches Paerchen kommt mir entgegengeradelt und warnt mich vor dem Radweg Richtung Norden, der sei eine Katastrophe. Ein paar Jungs begleiten mich ne Weile. Es sind aber je zwei auf einem klapprigen Mountainbike und wir eine Verkehrsgefaehrdung - also hat die Aktion keine grosse Zukunft. Ich kaufte 4 Artikel und bekam die an der Kasse in 3 Tueten verpackt - ich dachte diese Umweltsuenden haetten wir schon seit Jahren hinter uns gelassen? Links fahren ist kein Problem, das hab ich mir sofort angewoehnt (und meinen Spiegel umgebaut), aber ich glaube ich werde niemals spontan in die richtige Richtung gucken. Und dabei steht schon immer gross "look right" auf die Strasse geschrieben. In der Buecherei hab ich 30min online Zeit um mehr als 20 mails zu beantworten - haha! Dafuer kann ich dort in der used books section mein Buch tauschen. Wiztig, was man auf die Art alles zu lesen bekommt: Ich bin gestartet im China des 19Jhdts waehrend der Boxer Revolution, dann zu nem schottischen Tierarzt gekommen, mit Canadiern in Madagaskar Oel bohren gewesen, anschliessend mit Napoleon gegen Moskau gezogen um danach als britischer Commando in Kajaks deutsche Schiffe zu versenken. Momentan bin ich under cover unterwegs nach Afghanistan. Bis auf die Oelgeschichte sind alles entweder wahre Begebenheiten oder zumindest stories mit realem geschichtlichen Hintergrund.

2004-07-16

Das ganze Royal dies, Queen das, Saint Sowieso geht mir irgendwie auf die Eier. Es gibt hier in Schottland richtig patriotische, anti Englische, Postkarten zu kaufen. So nach dem Motto: fuer unsere Freiheit kaempfen wir bis zum letzten Mann, Weib, Kind und Krueppel. An der Kasse mache ich ne Bemerkung, dass ich noch nicht ganz auf das Muenzgeld klarkomme und frage was denn gegen den Euro spricht: "Its the bloody English thats against the Euro, not us!" Aha. Mit dem Euro wuerden sie ihre Fahrraeder (es ist ein Radladen) wohl wesentlich guenstiger vom Kontinent kriegen. Ich habs aufgegeben mit meinem Staender und kaufe nen neuen, der beim Tretlager an den Rahmen geschraubt wird. Das scheiss Teil haelt genau zweimal Aufsetzen aus, dann fliegt mir die verstellbare Verlaengerung beim Fahren in die Speichen! Und das auf einer vierspurigen (baulich getrennte Fahrbahnen), vielbefahrenen Strasse. Es fehlt nur der Randstreifen und es waere ne Autobahn bzw Motorway. Ich befinde mich auch nur darauf, da der Radweg unvermittelt davor endete um 10km spaeter wieder davon abzuzweigen - welch geniale Strassenfuehrung! Naja, kaum Schaden und den Staender bieg ich auch wieder einigermassen hin. Aber scheisse! Ich hab denen meinen guten alten unzerstoerbaren Pletscher dagelassen! Der trug das Bike ohne Probleme selbst auf ner schwankenden Faehre. Nur die Schrauben halt nicht. Der junge Angestellte im Laden ist Mountainbike downhiller und hat sein 2000Pfund Geraet auf Hochglanz poliert im Laden stehen - morgen nimmt er damit an den britischen Meisterschaften teil. Die erreiche ich leider nicht mehr rechtzeitig - schade, haette ich gerne gesehen. Ich finde nen online Schuppen mit ner kompetenten Betreiberin, die mir endlich ohne Schwierigkeiten meine Fotos (und Videos! tada!) auf CD brennt. Je weiter ich nach Norden komme desto schoener (und touristiger und bergiger. Die Orte scheinen manchmal fast ausschliesslich aus B&Bs und Hotels zu bestehen) wird Schottland. Aber... Hilfe! Ich hab mein Herz an und in Norwegen verloren. Jemand schicke es mir bitte hinterher damit ich auch andere Laender wieder angemessen wuerdigen kann! Meine Ma hat mir ne mail geschickt und meinte ich sei den Trollstiegen Pass schon einmal gefahren - als ich 1,5 Jahre alt war (wohl noch mit Stuetzraedern damals ;-) ). Damals habe sie mich oefter in dem Gletscherwasser der Berge gewaschen. Das duerfte dann wohl einige meiner kleineren Einschlaege erklaeren... ;-)
Beim Einkaufen in einem Superstore spricht mich die Security Frau an. Ich denke erst sie hat etwas gegen meinen Bike Parkplatz - an die Wand gelehnt. Aber im Gegenteil, ich solle es doch an die Glasfront lehnen, damit sie es waehrend meines Einkaufs im Auge behalten kann. Hmm... soviel Vorsicht noetig?!

2004-07-17

Seit ich auf der Insel bin hat es jede Nacht geregnet. Meistens hoerte es dann vormittags irgendwann auf - heute nicht. Ich starte also erst um 1900 Uhr und da ist es schon fast wieder dunkel. Ich fahre gegen den Wind ueber nen kleinen (462m) Pass und baue danach das Zelt in erneutem Regen auf. Mein Tacho spinnt, waehrend der Fahrt faellt die Geschwindigkeit oft rapide ab und erreicht manchmal sogar 0 km/h. Offensichtlich bekommt das Zaehlwerk nicht mehr jede Umdrehung des Magneten mit. Ich vermute die Batterie des Senders ist fast leer. Haette eh lieber nen verkabelten Tacho gehabt, aber den gabs nicht. Kabellos macht wohl nur wirklich fuer Federgabeln Sinn, fuer mich bedeutet das 3 Batterien statt einer.

2004-07-18

Der Tag beginnt mit Regen und einem gross angekuendigten Pass. Dieser ist mit gerade einmal 405m eher ein mickriges Paesschen, wie ueberhaupt die ganzen Highlands enttaeuschend low sind. Spaeter scheint die Sonne, aber ueber Schottland muessen heute Wirbelstuerme gezogen sein. Meine Fahrtrichtung bleibt relativ konstant, aber mal flattern mir die Backen gegen den Wind, dann segel ich selbst bergauf noch davor her und dann ist es voellig windstill - im Auge des Sturms. Das Spielchen wiederholt sich mehrfach und auf der Meerbruecke bei Inverness hab ich derart starken Seitenwind, dass ich wie betrunken Schlangenlinie fahre. Mind you, normalerweise kann ich ohne mich besonders darauf zu konzentrieren kilometerlang auf dem 10cm breiten weissen Seitenstreifen balancieren. Zwei Anhalter wollen von mir mitgenommen werden. Sie sind aus der Tschechei hierhin getrampt mit Zelt und Rucksack, weil ihnen in Frankreich mal jemand nen Ort in Nordschottland als sehenswert empfohlen hat. Coole Aktion - aber leider ist mein Bike schon zu beladen um die beiden auch noch mitzunehmen ;-) An einer Stonehenge maessigen Begraebnisstaette von Ewigkeiten vor Christi Geburt treffe ich zwei 17 jaehrige Biker(-innen, 1 Maennchen und 1 Weibchen) aus Berlin und fahre n Weilchen mit ihnen zusammen. Sie fahren aber kleinere Tagesetappen, muessen bald zurueck und biegen sowieso bei Loch Ness ab, Nessi begucken, also trennen wir uns bald wieder. Mein Hinterrad hat schon wieder ne Scherbe gefunden und so schlepp ich mich mit der letzten Luft darin auf nen Campingplatz. Mein Tacho hat in der Zwischenzeit auch den Geist aufgegeben und ich bewege mich demnach mit konstanten 0 km/h fort. Hab ich doch schon immer gewusst! Die Welt dreht sich um mich - das ist der Beweis! ;-) Alles eine Frage des Bezugssystems...
Mein MiniDisc Player ist leer und die einzige Chance den in einer 115V Welt zu laden sind die Waschraeume auf Campingplaetzen. Die haben immer Adapter fuer die Rasierapparate. Allerdings ist das eine mehr als duerftige Loesung - diebstahlgefaehrdet, nass und beschissen wakelige Stecker, die jedesmal rausfallen, wenn jemand die Tuer schliesst. Internet gibts nicht, Fahrradladen auch nicht und die Buechertauschecke auf dem Campingplatz ist leer - grmpf! Zudem ist der Platz voll mit Gelaendewagen, die an irgendeiner "tough trucks trophy" teilnehmen - doppel grmpf! Dafuer sind die Duschen kostenlos (bei Platzgebuehren von 7 Pfund wohl das mindeste...) und das wird genutzt bis zum letzten Tropfen. Fast vergessen, heute war auch das Superblutbad. Schottland scheint unter einer Kaninchenplage zu leiden, es gab hunderte und um mein Zelt hoppeln sie auch gerade. Bei 70 plattgefahrenen (auf 114km Strecke) hab ich aufgehoert mitzuzaehlen, dazu die ueblichen paar dutzend Voegel und um das ganze geschmacklich abzurunden und zu verfeinern 3 Fuechse, 1 Katze, 1 Schaf und ein Reh - alle schoen streichfertig auf die Strasse geschmiert. Und das, obwohl ich fast die ganze Zeit irgendwelchen Radwegen auf fast stillgelegten Strassen gefolgt bin! Irgendwer hat sich naemlich ueberlegt es sei ne gute Idee parallel zu der existierenden Strasse eine neue, doppelt so breite, zu bauen. Einziger Vorteil: die alte ist fast Fahrraeder only.

2004-07-19

Mein Zelt hatte ich gestern neben das eines anderen Radfahrers gestellt, obwohl dieser bereits schlief. Heute morgen hoere ich ihn dann um 0600Uhr aufbrechen. Ok, mit dem haette ich Langschlaefer eh nicht fahren koennen ;-) Da ist das Zelt doch noch nicht einmal trocken vom Morgentau, geschweige denn ich auch nur ansatzweise einsatzfaehig... Den Grossteil des Tages verbringe ich in einer Buecherei am Rechner und verschiedenen Geschaeften. Danach fahre ich eine einspurige Strasse in ein Gebiet, in dem nichts und niemand ist. Zum einen liegt das daran, dass sie nirgendwo hinfuehrt und nur ein Riesenumweg ist, und zum anderen ... an einem wunderschoenen See will ich mein Zelt aufschlagen aber es dauert keine 10 Sekunden da ist die Luft schwarz von midges. Ich schneide mir aus meinem Buff eine Skimuetze, so dass nur noch Augen (hinter der Brille), Nase und Mund herausgucken. Es geht trotzdem nicht. Ich habe Hustenkraempfe weil ich so viele von den Biestern einatme, meine Augen brenen weil sie mir ueber und unter die Lieder krabbeln und meine Fingerspitzen, die aus den Bikehandschuhen herausragen sind knallrot von Bissen. Was gaebe ich jetzt fuer einen anstaendigen Sturm. Stattdessen fluechte ich mehrere Kilometer weiter, habe nur noch 1 Mio statt zig Mrd der Viecher um mich, einen Charakteruntergrund samt einsetzendem Regen - na toll! Ich bin durch gesamt Skandinavien geradelt ohne einen einzign Mueckenstich und nun holen die no-see-ems alles nach.

2004-07-20

Trotzt der Tatsache, dass ich mein Zelt immer nur mit Hechtspruengen betreten und verlassen habe und das Fliegengitter quasi immer zu war, wimmelt es drinnen von den kleinen Scheissviechern. Erschlagen kann man sie nicht wirkungsvoll also versuch ichs mit ner Kerze - und fackel dabei fast das Zelt ab. Mein Innenzelt ist nun ein bisschen angeschmorrt. Hilft alles nichts, also schlaf ich mit Buff und langen Klamotten, was viel zu warm ist. Da freu ich mich glatt ueber den Gegensturm heute morgen - der vertreibt wenigstens die Biester. Wusste nicht, dass das Nordseeoel so dicht an der Kueste gefunden wurde, aber eine Bucht hier beherbergt ein halbes dutzend Bohrinseln. Auf Denkmaelern und Parkbanken etc gibt es oft Aufkleber mit dem Hinweis, dass sie aus dem staatlichen Lotteriefund bezahlt wurden. Was wird bei uns mit den Lottoeinnahmen gemacht? "Tax for the mathematically challenged". Schafe, ueberall Schafe! Frisch geschoren sehen sie irgendwie armselig aus... Ich mach gerade Mittag auf ner Parkbank als ein alter Reiseradler bei mir haelt. Er ist Rentner, vor 40Jahren von England nach Neuseeland ausgewandert und seit 12 Jahren und ~250000km mit dem Fahrrad unterwegs. Mit ein paar Wochen Aufenthalt in seiner Wahlheimat jedes Jahr. Er warnt nachdruecklich vor Afrika. Und spricht mir voll aus der Seele, als er eine Rede haelt warum er seine eigene Website abgeschafft hat. Er war es leid angemacht zu werden von Leuten, dass er mails nicht, oder spaet beantwortete. "People think you are having a good time when in reality its more like a job. Cycling, trying to find food and water and a place to sleep. They dont appreciate the amount of work required just staying alive - let alone sitting in front of a keyboard typing emails." Amen to that brother! Aber versteht mich nicht falsch, ich bekomme gerne mails - in gewisser Hinsicht halten die mich am Leben. Ich beantworte sie auch gerne, jeder, der mir frueher schon geschrieben hat, weiss, dass ich das auch prompt und ausfuehrlich tue. Doch auf Tour vergehen nunmal oft Wochen ehe ich Gelegenheit und Musse dazu habe. Von technischen Problemen mal ganz abgesehen. "Which country did you like best?" - "Always the next one". Ich fahre 70km und lande mitten im nirgendwo, nicht einmal Schafe gibt es. Am Horizont konnte ich die ganze Zeit zwei Berge sehen, ohne dass ich sagen konnte welches der hoehere ist. Das aergert mich, normalerweise kann ich sowas ganz gut einschaetzen. Also fahr ich ein paar km querfeldein, wandere ein paar weitere km querfeldein, wandere ein paar weitere km durch das Hochmoor, jeder Schritt schmatzt, und besteige den ersten: 611m. Wieder komplett runter und rauf auf den zweiten: 608m. Aha, kein Wunder, dass mir da das Augenmass versagte. Unterwegs habe ich mehrfach ein Rudel Rehe aufgescheucht, wenigstens 30 Tiere. So in Masse ueber die Haenge jagend sehen die verdammt elegant beeindruckend aus. Auf dem ersten Gipfel war es windig, auf dem zweiten musste ich mich breitbeinig gegen den Sturm stemmen, um die Kamera fuer Fotos wenigstens ansatzweise ruhig zu halten. Und als ich wieder runterkomme ist die Hoelle los. Ich fahre in einem meiner kleinsten Gaenge, der sonst Steigungen >10% vorbehalten ist, auf ebener Strecke gegen den Wind. Beim Zeltaufbau wird mir die Tasche fuer die Stangen aus der Hand gerissen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen, obwohl ich eine sofortige search and rescue mission starte. Es regnet, was den abgefahrenen Effekt hat, dass die eine Zeltseite nass ist, waehrend die lee Seite komplett trocken bleibt. Ich benutze alle 18 Heringe und dennoch ist richtig Leben in der Bude. Mir egal, mein Bauch ist voll, ich bin nach 76 Fahrradkilometern mit 1000hm plus etlichen gewanderten Kilometern mit mehr als 1200hm richtig angenehm erschoepft... ;-)

2004-07-21

Bei erneuter Suche finde ich meine Zeltstangentasche wieder. Es ist weiterhin sehr windig, aber wie ich mittlerweile gelernt habe ist Schottland ohne den Wind wegen der Insekten unertraeglich - also freue ich mich darueber. Ich fahre ganz hoch an die Atlantikkueste und ueberlege kurz, ob ich die Wartezeit auf Volker an einem der Sandstraende verbringen sollte. Aber am Horizont sind neue Berge aufgetaucht, also fahr ich wieder Richtung Sueden, so dass der Tag heute im wesentlichen ein Riesenumweg zum Sightseeing war. Dafuer hab ich jetzt mein Camp am Fusse des hoechsten Berges in der Umgebung - morgen frueh kanns losgehen. Die Landschaft hier ist wunderschoen mit vielen Seen und Huegeln. Wunderbar leer ausserdem. Ich quatsch mit mehreren Trueppchen Reiseradlern, sind aber alles nur Kurzurlauber und nur in Schottland unterwegs. Ein Paerchen faehrt mit nem beladenen Tandem (waer das nicht mal ne Idee Anita?! ;-) ). Ich komme an einem Campingplatz vorbei, der ein grosses Schild "no tents" am Eingang hat. Na herzlichen Glueckwunsch! Das ist ja wie ein Schwimmbad mit "no swimming" Schild. Ich nutze das letzte Licht des Tages zum Schreiben - boeser Fehler! In der Daemmerung legt sich auch der Wind und Schwaerme von Schwaermen von den kleinen fliegenden Nasties sind unterwegs. Ich koche, indem ich im Zelt sitze und mit einer Hand den Kocher davor bediene. Das Fliegengitter ist geschlossen bis auf das Loch fuer meinen Arm.

2004-07-22

Es ist nur leicht windig und die Viecher treiben mich halb in den Wahnsinn. Ich hab ja schon einiges erlebt und ueberlebt aber das hier toppt alles. Nicht einmal die Mueckenschwaerme in den Suempfen Canadas koennen da mithalten. Meine Nase sitzt voll mit den Dingern und in den Ohren summt und krabbelt es. Jeder Quadratzentimeter Haut an Armen, Haenden, Beinen und im Gesicht ist rot und geschwollen. Ich schmeiss all meinen Krempel ins Zelt und fluechte bergauf. Ich attackiere die Flanke des Berges direkt querfeldein. Hat nen Effekt wie Treppensteigen, nur dass diese Treppe fast 1000m hoch ist, die Stufen mir entgegengeneigt sind und man wie mit Klettverschluessen unter den Sohlen laeuft: entweder geht es durch schmatzenden Sumpf, oder kniehohe, hoelzerne Bodendecker. Aber Gott sei Dank wird es stuermischer je hoeher ich komme. Es regnet. Es ist eine Sache, die Wolken von unten mit irrer Geschwindigkeit ueber sich herrasen zu sehen, eine ganz andere da mittendrin zu stehen. Das ist ein Schauspiel! Auf dem Gipfel zeigt man Hoehenmesser statt der korrekten 961m nur 931m. Das ist ein gutes Zeichen, der funktioniert barometrisch, und wenn ich Hoehe verliere ist der Luftdruck gestiegen und das Wetter wird besser. Und tatsaechlich, es klart auf und die Aussicht wird fantastisch. Ich verliere eine Plastiktuete. Nun bin ich der letzte, der Muell einfach in der Landschaft herumliegen lassen wuerde, also will ich sie einsammeln. Nur das ist in diesem Falle leichter gesagt als getan: das Teil steigt vom Winde getragen immer hoeher, haelt sich eine geschlagene halbe Stunde (wirklich! ich hab auf die Uhr geguckt) ueber den Wolken, bevor sie dann in hohem Bogen den Weg ueber das Tal antritt. Die wird wohl jemand anders entsorgen muessen. Immerhin hab ich jetzt ein Foto von der Tuete, die hoch hinaus wollte. Ich steige ab und reisse von Nasties verfolgt fluchtartig das Lager ab. Den ganzen Tag heute hatte ich nur einen Liter Cola und eine Packung Kekse als Energieversorgung, nach 15km aufm Fahrrad krieg ich ernsthaft Hunger. Ich setze meine Hoffnung auf das Oertchen Hope, das entpuppt sich aber als eine Siedlung bestehend aus ganzen drei Bauernhaeusern. Also beende ich den Tag bereits nach 46km und rette mich mit meinen Reservenudeln. Ich habe ein traumhaftes Camp hoch ueber einer Meeresbucht, in einer Richtung Blick ueber den Atlantik, in der anderen die Bucht und Berge - und das Beste: keine Nasties! Mein Versorgungsengpass aergert mich, da ich so gezwungen war an Ben Hope, einem weiteren 1000er einfach vorbeizufahren. Eigentlich waere ich da gerne auch noch hochgelaufen. Auffaellig: an den Strassen stehen "caution lambs" und "Achtung: Laemmer auf der Strasse" Schilder. Peinlich. Sind wir Deutschen mal wieder so bloed, dass wir eine extra Behandlung benoetigen?

2004-07-23

DER STURM! Und ich fahr frontal dagegen an. Wenn ich mich mit aller Kraft (und das ist nicht wenig ;-) ) in die Pedalen schmeisse schaffe ich etwas ueber 10km/h. Ein Kind steigt aus dem Auto und wird sofort umgeblasen. Ich kaufe ein halbes Kilogramm Brot und bin so bloed das abzulegen - 100m weiter hab ich es endlich eingefangen. Ein schottischer Biker kommt mir entgegen und freut sich. Er will aber auch bald Richtung Sueden und dann soll er wohl sein Fett wegkriegen. Ein Verkaeufer erfaehrt meine Fahrtrichtung und meint schlicht aber mit Nachdruck: "Impossible!" Als kleine Pause mache ich ne Hoehlenbesichtigung. Regentropfen fuehlen sich an als wuerden sie kleine blutige Krater auf meiner Lippe hinterlassen. Wenn ich einen ins Auge bekomme bin ich sekundenlang blind. Autofahrer laecheln mich mitleidig an oder machen anfeuernde Gesten. Nach ueber 50km davon hab ich fast die Schnauze voll und bruelle meinen Frust in den Wind. Das einzige, was ich davon habe ist der irritierte Blick einiger Schafe. Versteht mich nicht falsch, minus den Regen mag ich solches Wetter. Wenn es zu Hause Sturmwarnungen gab sah man mich als erstes draussen. Aber dagegen anfahren ist hart. Ein Gedanke fasziniert mich: Wenn es auf Meeresniveau schon so zur Sache geht, wie muss es dann erst weiter oben zugehen? Also fahre ich 10km Umweg auf den krassesten Gipfel zu, den ich am Horizont ausmachen kann. Zuerst scoute ich einmal halb um den Berg herum und mache mich dann an den Aufstieg. Nach 500hm erreiche ich den Westgrat, den ich mir als Gipfelroute ausgesucht habe. Das Ding ist nackter Fels, teilweise nicht einmal nen Meter breit und zu beiden Seiten geht es steil runter. Der Wind auf dieser Hoehe ist so krass, dass ich mich mit vollem Koerpergewicht dagegen lehnen muss, um stehenbleiben zu koennen, geschweige denn in gerader Linie einen Fuss vor den anderen setzen. Eine Wolke huellt alles ueber mir ein und Regen peitscht mit ohrenbetaeubendem Laerm gegen meine Kaputze. Ich habe maximal 2 Stunden Tageslicht und schaetzungsweise 200hm und den Abstieg vor mir. Irgendwann werde selbst ich von Vernunftsanfaellen heimgesucht und aendere meine Mission von: "Erreiche den Gipfel" auf "Komm hier lebend wieder runter". Als Abstiegsroute waehle ich den steilen, aber windgeschuetzten (ich kann immerhin ruhig stehenbleiben) Nordhang, was den zusaetzlichen Vorteil hat, dass ich direkt bei meinem Zelt herauskomme. Hoellenanstrengend. Bergwandern in Schottland wird extrem erschwert dadurch, dass man fast immer durch nass feucht glitschiges Sumpfmoos und Gras laeuft. Manchmal ueberdeckt eine duenne Schicht davon tiefe Felsspalten. Das hat zur Folge, dass man sein Gewicht sehr lange auf einem Bein tragen muss, bevor man sicher ist, dass das andere nen festen Stand gefunden hat. Wie auch immer, ich hatte mein Sturmerlebnis, absolut grandiose Aussichten und lieg wieder gemuetlich im Zelt. Jemand, der Ahnung von Bergen und Bergwandern hat, wuerde mich fuer die Aktion jetzt wahrscheinlich verpruegeln wollen. Aber was solls?! Ich bin jung, gesund, stark und uebermuetig - und ausserdem Organspender ;-) Und mal ehrlich - wie oft im Leben hat man schon einmal die Chance ein derart gewaltiges Naturschauspiel aktiv und hautnahe zu erleben?! Jetzt hoffe ich nur noch, dass die alten Baeume am Fluss, in deren Windschatten mein Zelt steht, wirklich keine Widowmaker sind...

2004-07-24

Faellt mir gerade ein: In England habe ich das erste mal im Leben Einkaufswagen mit automatischer Wegfahrsperre gesehen. Wenn man auf dem Parkplatz ne rote Linie ueberfaehrt blockieren die Raeder funkgesteuert automatisch. Derartige Einrichtungen helfen nicht besonders sich sicher zu fuehlen in einem Land. Keine der Strassen hier im Norden ist zweispurig, es gibt nur alle paar hundert Meter kleine Ueberholbuchten. Als Radfahrer ist das ein kleines Dilemma - ich moechte selbst auf diesen schmalen Strassen lieber ueberholt werden statt mit den Buchten stop and go zu fahren. Autos sehen das nicht immer so.
Ich bin schon mehrfach nach meinem Sternzeichen gefragt worden, eine solche Unternehmung sei untypisch fuer Fische. Huh?! Wenn irgendwelche Lebewesen rumkommen in ihrem Leben dann doch wohl die? Die machen doch den ganzen Tag nichts anderes, als sich fortzubewegen. Und ueberhaupt, ich glaube durchaus, dass die Sterne Einfluss auf unser Leben haben. Es ist ein System mit zuviel Energie, als dass das nicht so sein koennte. Aber alle bisherigen Deutungsversuche erscheinen mir etwas naiiv, primitiv, um das mal milde auszudruecken.
Aaargh! Was ist das eigentlich fuer ein verschissener Dreckssommer in dem es an jedem verdammten Tag regnet?! Ich liege bis 1 Uhr im Zelt und hoffe, dass entweder Regen oder Sturm nachlassen - keines von beiden ist der Fall. Der Sturm reisst mir fast die Heringe aus dem Boden und der Regen klingt, als wuerde jemand in Intervallen ganze Badewannen voll Wasser auf einmal ueber mein Zelt schuetten. Ich fahre los, Autos, die mich passieren, duschen mich mit meterhohen Fontaenen und haben ihre Scheibenwischer in der hektischen Einstellung. Ich fahre durch den bisher mit Abstand schoensten Teil Schottlands, die wilde Nordwestkueste. Hier muss ich noch einmal hinkommen und jeden Gipfel besteigen. Die Berge sind geil: kaum einer ist ueber 1000m hoch, aber fast alle sind schroff, freistehend und starten nahe Meeresniveau. Davon kann man ein bis zwei taeglich machen. So wie es ist stehe ich vor einer Tafel, die sagt bei genauem Hinsehen muesse man einen weissen Felsen auf einem der Gipfel erkennen koennen - ich kann in der Wolke nicht einmal den Berg finden! Gegen den Sturm fahre ich mit knirschend zusammengebissenen Zaehnen auf reiner Willenskraft. Ich schufte und maloche wie ein Tier und schaffe einen Schnitt von 12,9km/h! Fast 6 Stunden fuer 76km, aber immerhin 1159hm, das ist fuer die kurze Strecke auch nicht von schlechten Eltern. Als ich endlich Ullapool erreiche muss ich feststellen, dass weder heute noch morgen (Sonntag) Faehren fahren. grrrr!

2004-07-25

Ich niste mich also fuer 2 Naechte auf dem Campingplatz ein und gehe Sightseeing in Ullapool. Gemuetliches kleines Nest. Mehrere kleine, urige Buchlaeden, in denen ich mich umgucke. Bildbaender ueber Hausbau selbstgemacht und Baumhaeuser. Ich hab ja selbst schon einige von der Sorte konstruiert, aber so professionel aufgezogen geht doch einiges! Cool! Michael Moores "Dude, wheres my country?" Manchmal ist er mir zu traenendrueckerisch, aber seine Mission ist mir sympatisch und ich mag seine simple, geradeheraus Logik. "look at the blodd we're spilling, look at the world we're killing, way we've always done before... look at the leaders we follow, look at the lies we've swallowed, and I don't want to hear no more!" Guns N Roses, Civil War. gute lyrics, geiler Song. Startet mit dem selben Sample aus dem Film "Cool Hand Luke", das auch auf meinem Anrufbeantworter ist: "erm... what we've got here is - failure - to communicate. Some men you just can't reach..." In einer Jugendherberge tausche ich mein Buch, bin jetzt nicht mehr im Jihad unterwegs sondern bei Anwaelten in London. Bisher beeindruckte mich am meisten eine Szene , in der ein absoluter Stadtmensch aufs Land faehrt und von der Dunkelheit eines einsamen grossen Hauses voellig eingescheuchtert, veraengstigt, ist. Das war perspektivenerweiternd. Ich mag Dunkelheit, die beschriebene Szene hatte fuer mich etwas unglaublich friedliches, gemuetliches. Ich sympatisiere aber auch mit der Dark Sky Association, die sich fuer die drastische Reduzierung des Lichtsmogs einsetzt zu gunsten der Umwelt. Jeder, der schon einmal abseits der Zivilisation nachts einen unbeeintraechtigten Sternenhimmel bewundern durfte, muesste das eigentlich auch tun. Oder auf einem Berggipfel gesessen hat im Dunkeln und erleben musste, wie unendlich weit die Lichtglocke einer Stadt scheint, oder die Lichtfinger eines Autos durch die Landschaft schneiden - Wunden in der Schoenheit der Nacht (mal ganz zu Schweigen davon, dass der Laemr aus dem Tal Kilometer nach oben schallt, selbst von einem einzigen Auto).

2004-07-26

Paar Stunden Faehre und ich stehe auf den Outer Hebrides. Der Sturm hat nachgelassen und es ist verhaeltnissmaessig windstill (alles ist relativ: die Kinder lassen Drachen steigen und Waesche und Betttuecher haengen waagerecht an der Leine - aber im Vergleich zu den letzten Tagen ist das fast kein Gegenwind). Ich fahre Umwege ueber kleinste Straesschen. Drei Reiseradler kommen mir entgegen, mit denen ich gerne gesprochen haette - sie sahen absolut wie Veteranen aus, mit sonnengebleichten Ortliebs und Taschenmesserfrisuren. Nach ner Pinkelpause komm ich zu meinem Bike zurueck und hoere nicht nur das Pfeifen des Windes in den Speichen sondern ein zusaetzliches Zischen - mein Hinterrad ist wieder platt. Also Flicken im Regen. Trotz gruendlichster Suche finde ich diesmal die Ursache nicht. Ich habe gerade wieder fast genuegend Druck drauf, da reisst das Ventil kaputt - irreparabel. Also meinen letzten Ersatzschlauch rein. Will essen, aber der Kocher streikt und flammt fast das Zelt ab. Die Reinigungsnadel bricht ab. Meinen neuen Staender kann ich auch wegschmeissen, der beschaedigt lediglich den Rahmen und haelt das Fahrrad eh nicht. Frust!

2004-07-27

Give me a fucking break! Ein einziges Windrad auf der Insel koennte ganz Schottland mit Strom versorgen. Ich muss weiterhin meine undurchsichtige Brille tragen mit dem aufgemalten blauen Himmel und der kuenstlichen Sonne - ansonsten wuerde mich Nieselregen und ewig grauer Himmel langsam depressiv machen. Nein, dies hat definitiv aufgehoert Spass zu machen, ich will nur noch runter von den verfluchten Inseln.
Eine Faehrueberfahrt hatte ich heute.

2004-07-28

Um 0400 Uhr morgens werde ich das erste Mal wach mit Bauchschmerzen als haette ich gluehende Lava gefressen. Wetter genau wie gestern, mir ist schon morgens nach Kotzen und das liegt nicht nur an meinem Bauch. Ich fahre zum Hafen, nur um zu erfahren, dass die naechste Faehre von dort erst in zwei Tagen geht. Aber von der Insel weiter im Sueden ginge eine heute. Also Vollgas, beradel ich die dritte Insel halt auch noch. Erste Faehre ist kein Thema, aber bevor ich die zweite erreiche platzt mein Hinterrad. Der Mantel ist komplett hinueber. Jetzt hab ich die Aufgabe mit schleifend blockierendem Hinterrad schiebend innerhalb von einer halben Stunde 3 Meilen (Meilen!) und einen Minipass zu ueberwinden - sonst haenge ich hier zwei Tage fest. Ich folter meine Felge und mich selbst bis zum letzten. Schweissgebadet erreiche ich puenktlich den Anleger - nur um zu erfahren, dass das Scheiss Boot Verspaetung hat. An Bord werde ich fuer 5 Stunden Ueberfahrt von drei Seiten mit drei verschiedenen, voll aufgedrehten Fernsehprogrammen beschallt. Wenigstens habe ich heute ne nette radfahrende Familie aus Schottland kennengelernt. Vater, Mutter und siebenjaehrige Tochter. Vater ist selbststaendiger Softwareentwickler. Die Wochenhoechsttemperatur wurde heute trotz Wolkendecke auch erreicht: unglaubliche, unertraeglich heisse 17°C! Um das auszuhalten trage ich Sonnenschutzfaktor 40. Kurz vor Mitternacht legt die Faehre an und ich schiebe mein Wrack noch einmal 5km durch stockfinstere Nacht, bevor ich den Campingplatz erreiche. Manchmal war der Mond zu sehen und richtig schoen: fast voll, blutrot und knapp ueberm Horizont. Als ich um 0200 Uhr morgens endlich gegessen habe gleicht das Einschlafen mehr einem erschoepft ohnmaechtig werden.

2004-07-29

Ich marschiere noch einmal 10km und finde beim zweiten Versuch einen Radladen, der nur halb inkompetent ist und erwerbe dort nen neuen Mantel, dem ich immerhin ne Woche Ueberleben zutraue. Weil der allgegenwaertige und immerwaehrende Nieselregen mich kaum richtig nass macht schuettet es noch einmal so richtig. Natuerlich geht es auch weiterhin gegen gehaessigen Wind. Schottland gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: bewoelkt regnerisch mit Wind und bewoelkt regnerisch ohne Wind. Mit Wind ist ewige Quaelerei dagegen an, ohne Wind ist noch viel schlimmer weil einen dann die Nasties (midges) in den Wahnsinn treiben. Mag ja sein, dass die mit abendlicher Dusche um den Juckreiz wegzuspuelen und vier Waenden um einen herum ertraeglicher sind - aber wenn man denen, wie ich, non-stop ausgeliefert ist machen sie aggressiv. Wenn heute ganz Grossbritannien in den Fluten des Meeres versinken wuerde, ich wuerde nicht einmal mit den Schultern zucken. Als sanfte Einstimmung fahre ich an einem totgefahrenen Reh vorbei. Suess, wie es mir die schwarz geschwollene Zunge herausstreckt waehrend Fliegen in dem geoeffneten Auge herumkrabbeln. Danach komme ich durch eine frische Unfallstelle: 40 Tonner gegen kleinen Fiat. Eins zu Null fuer das Transportunternehmen. Besonders niedlich finde ich den "Baby on Board" Aufkleber, der die letzten Reste der zertruemmerten Heckscheibe zusammenhaelt. Vielleicht hat ja diesmal jemand etwas gelernt, in jedem Fall hat aber jemand viel Blut verloren. Keine 5km weiter passiere ich erneut nen "Police, Accident" Aufsteller. Ist aber langweilig, hat sich nur jemand Kopfschmerzen geholt, indem er in die Leitplanke gefahren ist. Noch einmal 3km entfernt bleibt ein Auto mit quitschenden Reifen keine 2cm von meinen Packtaschen entfernt stehen. Eine Fahrlehrerin in Fahrschulwagen dachte wohl Fahrraeder haetten auf Vorfahrtsstrassen keine Vorfahrt. Man sollte Unfallopfer an Ort und Stelle verwesen lassen. Oder noch besser, an Ampeln aufhaengen. Mittelaltermaessig als Abschreckung - die Kreuze am Strassenrand reichen ja offensichtlich nicht. Oder wie kann man sonst die norwegischen Jugendlichen erklaeren, die den ganzen Tag zum Spass durchs Dorf fahren? Oder das Ehepaar auf dem Campingplatz, dass die 200m von ihrem Wohnwagen zur Rezeption und zurueck mit dem Auto faehrt? Oder den Knilch aus Deutschland, der freiwillig jeden Tag mehr als 200km Arbeitsweg faehrt, weil ihm sein Arbeitgeber den Firmenwagen zahlt? "Umziehen waer kein Problem, aber ich fahre gerne Auto." Wenigstens derart ueberfluessige Fahrten koennten doch wohl vermieden werden?! Und bevor mir jetzt jemand den Vorwurf macht ich sei geschmacklos mit meinen Vorschlaegen und Beschreibungen - ja, bin ich. Aber es ist nunmal die Realitaet und was kann ich momentan schon machen ausser Toben und wueten? Ben Harper singt: "I've seen enough to know that I've seen too much." Wenn nur ein einziger ein einziges Mal weniger in sein Auto steigt wegen mir hat es sich ja schon gelohnt. Und ich habe durchaus auch konstruktivere Ideen, nur um die umzusetzen brauche ich mehr Zeit und eine Heimatbasis.
Wenn ich eines gelernt habe auf dieser Tour, dann ist es selbst gegen die widrigsten Umstaende noch irgendwie selbstmotiviert zu bleiben. Doch diese "always look on the bright side of life" Faehigkeit wird mir langsam aber sicher ausgeregnet und weggeblasen. Das einzige, was mich noch voran treibt ist die verzweifelte Hoffnung irgendwo muss es doch richtig Sommer sein und dass ich hier bald weg bin! Aber selbst da weiss Schottland mir nen Strich durch die Rechnung zu machen mit nem grossen Schild "No Ireland ferry services". Ich bin mittlerweile so gewohnt die Schiffe als Teil des Strassennetzes zu sehen, dass mir gar nicht in den Sinn kam, dass sie auch mal ausfallen koennten.

2004-07-30

Selbstverstaendlich regnet es bereits morgens bevor ich ueberhaupt das Zelt verlasse. Kann mir bitte jemand ein Bild von der Sonne schicken? Meine Erinnerung an sie verblasst langsam. Der Tag wird in seinem Verlaufe aber noch wesentlich besser und meine Laune damit auch. Ich treffe Tony aus Manchester, der bisher coolste Biker ueberhaupt. Sein Gefaehrt ist selbst zusammengeschweisst, sein Gepaeck in Folien verpackt mit Spanngurten ans Fahrrad geschnuerrt, als Staender benutzt er einen Stock und schlafen tut er auf nem Stueck Schaumstoff unter ner Plane. Aber das coolste: luftgepolsterter Sattel! Er hat nen Fahrradschlauch um den Sattel gewickelt, dafuer nen Ueberzug genaeht und dann aufgepumpt. Genial. Er ist 62 Jahre alt und wartet nur auf seinen 65 Geburtstag, damit er endlich richtig loslegen kann. Derzeit muss er 6 Monate im Jahr in der UK verbringen, um seinen Rentenanspruch nicht zu verlieren. Er erzaehlt von 5 Monaten Indienradtour und nem Trip in Kenia, bei dem er mit Machete und Pistole ueberfallen wurde. Bis aufs letzte Hemd ausgeraubt 11 Stunden gefesselt im Wald gelegen. Wir filosofieren mehr als ne Stunde. Hochgradig interessant, da wir uns was die Probleme dieser Welt und Hauptursachen dafuer sehr einig sind, sich unsere Loesungsansaetze aber radikal unterscheiden. Nach Tony komen mir noch Schwaerme anderer Radler entgegen, es ist, als ob das erste bisschen Sonnenschein seit Wochen sie alle aus ihren Loechern geholt haette. Unter ihnen die ersten beiden beladenen Liegeradler, die ich sehe.
Halleluja! Sonnenschein! Ich fang sogar wieder an zu fotografieren - in dem Scheisswetter hab ich das trotz schoener Landschaften fast gaenzlich seingelassen. Die Faehre nach Nordirland, die ich urpsruenglich nehmen wollte, verkehrt wegen Unrentabilitaet schon seit mehr als 3 Jahren nicht mehr - weshalb sie dann noch auf meiner aktuellen Karte eingezeichnet ist weiss der Geier. Also nehme ich erstmal 2 Faehren und fahre ueber die Insel Arran (schoen!) aufs schottische Mainland. Da komme ich aber Glasgow zu nahe. Warum muessen Staedte eigentlich jedesmal selbst die schlimmsten Vorurteile, die ich gegen sie hege, noch ueberbieten?! Ich fuehle mich wie ein gejagt, gehetztes Tier auf meinem Spiessroutenlauf von einer poebelnden Jugendgang zur naechsten. Man stellt mir Beinchen, versperrt den Weg, bruellt mir hinterher, will mir mein Kopftuch vom Haupt zerren und schmeisst Gegenstaende nach mir. Der Radweg ist neben einer vierpurigen Strasse zwischen Leitplanke und Zaun eingeklemmt und streckenweise so schmal, dass ich mit meinen Packtaschen steckenbleibe. Natuerlich bedient er beide Fahrtrichtungen und bei Gegenverkehr muss einer mit Rad auf die Strasse klettern. Da fallen die Dornenranken quer ueber den Weg kaum ins Gewicht. Das coolste ist aber eine rechtwinklig abknickende Kurve, geradeaus fuehrt eine steile Treppe direkt in nen See. Wuerd gerne wissen, wieviele da schon runtergeduest sind. Ich fahre zwei Campingplaetze an, beide sind Caravans only, no tents. Mein Tacho ist wieder hinueber. Durch bewoelkt sternenlos stockdunkle Nacht suche ich mir meinen Weg ueber Felder und durch Waelder. Ich seh die Hand vor Augen nicht, da ist das Finden eines geeigneten Zeltplatzes schwierig, also fahre ich noch 30km bis zum naechsten offiziellen. Um 0130 Uhr darf ich endlich crashen.

2004-07-31

Morgens kommt ein alter Sack von Platzwart vorbei, grummelt mich wegen allem moeglichen Scheiss an und verlangt 10 Pfund Platzgebuehr! Soviel hab ich noch nie fuer das Recht zahlen muessen ein paar Stunden auf 5m² Rasenflaeche liegen zu duerfen. Das Preis-Leistungsverhaeltnis von Camingplaetzen heutzutage ist absolut unter aller Sau! Bei bestem Sonnenschein beradel ich die Kuestenstrasse vorbei an suendhaft teuren Edelhotels und einer Golfanlage nach der anderen. In einem Ex-Militaerhafen (D-Day Nachschub plus dismantling von 86 deutschen UBooten), von dessen einst riesigen Krananlagen nur noch die Betonfundamente uebrig sind, kaufe ich mir mein Ticket nach Nordirland.
Ich habe mich heute selbst haeufig beim Beobachten beobachtet, was mich ins Gruebeln brachte ueber Computer image recognition and understanding. Gibt es eine Studie, mit 2 Probanden, bei denen einer ein Bild gezeigt bekommt und dieses dann dem anderen beschreibt, damit jener es ungesehen Zeichnen kann? Ich faend die Ergebnisse hochgradig interessant. Kann man bestimmt auch ein lustiges Gesellschaftsspiel raus machen. Was mich wiederum melancholisch an meine ganzen Siedler von Catan Sessions denken laesst.
Die Polizisten in dem kleinen schottischen Nest moegen zwar unbewaffnet sein, ne kugelsichere Weste tragen sie dennoch alle. Security bevor man die Faehre betreten darf ist zwar vorhanden, aber mehr ein Witz als alles andere. In Larne eingetroffen radel ich mal wieder ne Weile durch die Nacht, bevor ich nen Platz zum Schlafen finde. Wunderbar sternenklar, und der rote Vollmond wird vom Meer reflektiert. Von meinem Huegel aus kann ich schon die Lichter Belfasts sehen.

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