Nach 36 Stunden Dauerregen (und es sieht nicht so aus als wuerde es jemals wieder aufhoeren - es ist alles grau in grau) haben wir uns erstmal in einem leerstehenden Haus kurz hinter der Ungarisch Kroatischen Grenze verkrochen und versuchen unsere Sachen zu trocknen. Bei solch ausdauerndem Regen helfen selbst die besten Gore Tex und Sympatex Klamotten und Neopren Ueberschuhe nichts mehr... Zumal die LKW Druckbetankung von der Seite ihr uebriges leistet (fahrt mal im Regen auf dem Seitenstreifen einer Fernstrasse und lasst euch von nem LKW in weniger als nem halben Meter Entfernung ueberholen - das haut euch erstens von der Strasse und gibt einem zweitens ne Ganzkoerperusche). Apropos Fernstrasse. Nachdem wir in Oesterreich von wunderbar frisch asphaltierten Radwegen in malerisch schoenen Donautaelern komplett ohne Autoverkehr verwoehnt wurden mussten wir spaeter in der Slowakei auf eher langweilige, aber ruhige, Daemme ausweichen und in Ungarn dann auf besagte Fernstrassen. Da waren mir die mit losem Kies befestigten und sehr anstrengend zu fahrenden Deiche in der Slowakei eindeutig lieber als die Strassen. Das gipfelte in Budapest auf einem achtspurigen Stadthighway auf dem wir todesmutig in diesen Moloch von Stadt einrollten. Unser erhofftes Treffen mit nem einheimischen Bekannten fiel wegen Kommunikationsschwierigkeiten im Vorfeld leider aus, und so schlaengelten wir uns auf eigene Faust durch die City. Faengt zunaechst wenig vielversprechend mit endlosen Reihen haesslichster Betonplattensiedlungen an. Diese werden aber unvermittelt unterbrochen durch so Dinge wie die Ruinen eines alten Kollosseums in dem dann Kinder Frisbee spielen (Fuer aehnlich spektakulaere Mauerueberreste und Ausgrabungen haetten wir uebrigens im oesterreichischen Carnuntum 7 Euro Eintritt zahlen muessen!). Oder eine Kirche ist in die Wohnblockreihen eingemauert. Komplett umschlossen, nur noch das hintere Ende guckt aus dem Beton. Seine schoene Seite zeigt Budapest dann abends am Fluss, der auf beiden Seiten von hell angestrahlten Prachtbauten gesaeumt wird. Es gibt sogar einen Radweg, aber auch der ist beidseitig von verkehrsreichen Strassen eingeschlossen. Extremsport Radwegbenutzing erreicht in Ungarn sowieso neue, ungeahnte Dimensionen. Die Wege haben die Eigenschaft unvermittelt vor Fahrradverbotsschildern zu enden oder man faehrt ploetzlich ne Treppe runter oder faellt in ein Loch im Asphalt. Der ist sowieso lustig hier - mit Spurrillen so tief, dass man mit den Pedalen aufsetzt, wenn man in einer faehrt. Entsprechend hatten wir auch die ersten beiden Platten auf Tour: Torstys Hinterrad durch nen Nagel, mein Vorderrad durch nen Glassplitter.
Ach ja, ich in meiner Eigenschaft als Geographiegraupe schrieb letztes Mal was von wegen wir wuerden durch Slowenien radeln. Gemeint war natuerlich die Slowakei. Frau Joerling moege mir verzeihen (duck and run...). Ich hab sowieso schon fast ein schlechtes Gewissen wie leicht man es als deutscher Reisender hat. Ich bin wirklich absolut ignorantunterwegs, plane die Route spontan mit einer 1:2.500.000 (!!!) Europa Karte und nach Himmelsrichtung an der Donau entlang. Wir haben noch nicht einen Cent in irgendeine einheimische Waehrung wechseln muessen. Unser Plastikgeld wird auch genommen. Ein einziges Mal mussten wir unsere Einkaeufe zahlungsunfaehig an der Kasse zuruecklassen, da dem Laden das Lesegeraet fehlte. In dieser Beziehung will ich meinen Reisestil aber gerne noch aendern, um wieder die kleinen, spannenden einheimischen Laeden nutzen zu koennen statt nur die grossen Supermarktketten (Plus und Spar sind hier gross). Und keinerlei Sprachkenntnisse oder Sprachfuehrer zu besitzen ist auch nicht so dramatisch, da sowieso alle Welt deutsch spricht und sogar viele Schilder deutsche Beschriftungen haben. Schon ein merkwuerdiges Gefuehl so privilegiert zu reisen... Wo man das noch deutlich merkt ist an den Grenzen. Torsty und ich mit unseren deutschen Paessen werden nur durchgewunken, waehrend Barty als Pole immer einige Fragen ueber sich ergehen lassen muss. Am spannendsten war bisher die kroatische Grenze. Wir sind woertlich in einer Nacht und Nebel Aktion (dunkel, Regen, Nebel) da angekommen. Ich begeh auch noch den Fehler und mach ein Foto von uns dreien in der Tabu Zone zwischen den beiden Grenzstationen und schon muessen wir ne Weile quatschen. Unsere Stempel kriegen wir, aber nicht bevor sich nicht ein Vorgesetzter und ein paar andere Beamte unseren bisherigen Weg auf der Karte haben zeigen lassen und ein paar Kommentare ueber unsere Art zu Reisen fallen ;-)
In der Slowakei treffen wir die ersten anderen Reiseradler on tour. Eine komplette Familie aus Deutschland, die aufgebrochen waren, weil die Tochter meinte, sie muesse mal ungarischen Honig probieren. Also Osterferien genutzt, nach Wien und von da mit den Raedern los - thats the spirit! Schoene Reise noch!
Ausserdem gabs deutsche Leistungssportler aus der Leichtathletik Bundesliga im ungarischen Trainingslager an Thermalquellen. Autsch! Gegen deren Trainingsprogramm sind wir Memmen und Weicheier. Obwohl der eine Triathlet mit seinem 6,7kg Rennrad auch gut Reden hat gegen meinen 52kg Trecker. ;-)
Waehrend Torstz und ich in einem Mega Einkaufszentrum (56 Kassen und so voll, dass man kaum durchkommt) shoppen lernt Barty draussen bei den Raedern ein bisschen Ungarisch. Oder versucht es zumindest - es entsteht eine ziemlich amuesant zu beobachtende "Konversation" aus deutschen, englischen, polnischen und ungarischen Sprachfetzen und vielen Handzeichen.
Mittlerweile regnet es seit mehr als 58 Stunden und wir haben uns nahe der serbischen Grenze in einem zerschossenen Haus im Keller einquartiert. Richtig Blair Witch maessig. Aber es ist schon gruselig durch Gegenden zu radeln, in denen regelmaessig Brachland mit "Danger - Mines!" Schildern abgesperrt ist, die Haeuser leerstehen, zerstoert sind oder gerade eben notduerftig die Spuren des Krieges uebertuenchen. Einschussloecher werden zugeputzt und Haeuser wieder aufgebaut. An den Tueren zu McDonalds klebt neben dem Hunde und dem Inline Skates Verbot ein Aufkleber, der das Mitbringen von Waffen untersagt.
In Ungarn waren alle Grundstuecke "elado", hier sind sie "prodajem kuca". Bedeutet dasselbe: "zu verkaufen". Schon bedrueckend zu sehen. Und wenn hier mal ne dicke Karre durch die Gegend faehrt hat sie ein deutsches Nummernschild. Der Grundstuecksmakler in Ungarn war auch in Deutsch ausgeschildert - go figure.
Der Donau Radweg in Oesterreich ist auch als "Tour de baroque" ausgeschildert und fuehrt an vielen alten Burgen, Schloessern und Kirchen vorbei. Hat mich ins Gruebeln gebracht wie ich mir mein eigenes Traumhaus vorstelle - unbegrenzte Mittel vorausgesetzt. Fing natuerlich an mit der Vorstellung diverser pompoeser Prachtbauten - mittlerweile wuerd mir ne Dusche und n Dach reichen ;-) Nee. Aber was mich inspiriert hat ist eine kleine Kirche in Ungarn. Neu. Elegant geschwungene Linien, Geruest aus Holz und alles schiefergedeckt. Sieht wirklich edel aus, sowas muesste man mal probieren. Wir sind auch am Rohbau einer Kirche vorbeigefahren, schien aber langweiliger Bau zu werden. Ist mir nur aufgefallen, weil es der erste Kirchenneubau ueberhaupt ist, den ich gesehen habe.
Ich hab ein kleines Autohasser Projekt angefangen hier auf Tour - bekommt ihr auch bald zu sehen. Auf jeden Fall waer ich fast Teil davon geworden, als ich mit dem Bike in Oesterreich eine Schlange ueberfahren habe, die quer ueber den Radweg lag. Aber wie es aussah hat die sich primaer derbe erschrocken und ist weggekringelt. Ansonsten gibt es an der Donau die eindeutigen Spuren von Bibern zu bewundern: Viele Baeume sind rundherum angenagt oder schon ganz gefaellt. Einen Biber haben wir auch live und in Farbe beobachten duerfen.
Torsty hat seit dem Nachtfrost und Dauerregen im Sauerland kein Gefuehl mehr in einem seiner Zehen - hoffentlich taut der bald wieder auf.
Eines meiner Lieblingsmotive beim Fotografieren sind Industrieanlagen. Je komplizierter und auf den ersten Blick undruchschaubarer desto besser. Alte verfallene oder zerstoerte Anlagen wecken meine Neugier besonders. Leider sehen die Leute es (verstaendlicherweise...) nicht besonders gern, wenn man die fotografiert und in Ungarn wurden wir auch recht bestimmt weggeschickt von so einer stillgelegten Fabrik. Schade drum.
Wir sind einen Tag nach meinem Geburtstag losgefahren, deshalb hat meine Ma mir noch eine Kunstblume geschenkt, die auf Knopfdruck die Happz birthday Melodie dudelt. Das Teil hab ich am Lenker und die Tradition entwickelt, die an jedem Ortseingangsschild einmal abzuspielen. Langsam nervts und die Batterien von dem bloeden Ding koennten ruhig mal schlapp machen ;-) Und entweder werden die Orte kleiner oder wir schneller - auf jeden Fall sind wir oft schon fast durch die Siedlung durch bevor die Melodie aufhoert. Torsty schnarcht schon wien Berserker und meine Kerzen sind fast runtergebrannt - gute Nacht.
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